Michaela Egger: "Psychische Gewalt ist stärkste Waffe". Seit 20 Jahren gibt es Gewaltschutzzentren (GSZ), in NÖ an Standorten in St. Pölten, Wr. Neustadt, Amstetten und Zwettl. Die NÖN sprach mit Leiterin Michaela Egger.

Von Eva Hinterer und Gila Wohlmann. Erstellt am 08. Oktober 2019 (03:28)
Wohlmann
Gewaltschutz-Expertin Michaela Egger. 

20 Jahre Gewaltschutzzentrum – ist das eigentlich ein Grund zum Feiern? „Ja!“, sagt Michaela Egger, seit zwei Jahren Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums Niederösterreich. „Denn in diesen 20 Jahren sind viele Menschen auf uns aufmerksam geworden und kommen zu uns.“

An das Gewaltschutzzentrum können sich alle Menschen wenden, die von Gewalt bedroht sind – natürlich auch Männer. Und die melden sich durchaus. Das seien dann meist Männer, die vom Vater oder dem Sohn bedroht werden. „Der Anteil gewalttätiger Frauen ist sehr gering“, sagt Egger, 82 Prozent der Klientel sei weiblich.

Ein blauer Fleck vergeht, aber die Erniedrigung bleibt

Stark gestiegen ist die Gewalt in den Sozialen Medien. Drohungen, freizügige Bilder zu veröffentlichen, falsche Facebook-Profile erstellen – all das sind „Druckmittel, die Wirkung zeigen“, weiß Egger. „Und genau diese psychische Gewalt ist immer noch die stärkste Waffe. Ein blauer Fleck vergeht, das sagen uns auch die Klientinnen, aber die Erniedrigung bleibt.“ Der aktuelle Umgang mit körperlicher Gewalt ist für die Expertin oft erschreckend. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Menschen nicht mehr wissen, was bei einem Messerstich passieren kann.“

Sehr skeptisch betrachtet Egger das neue Gewaltschutzpaket, das soeben beschlossen wurde. „Viele Punkte in diesem Gesetz sind unfertig. Die Verschärfung der Anzeigenpflicht etwa ist aus unserer Sicht untragbar. Wenn sie sich keinem Therapeuten mehr anvertrauen können, weil Anzeigepflicht besteht, dann werden die Anzeigen sinken.“

Bisher mussten alle Beschäftigten im Gesundheitsbereich (Ärzte, Sanitäter, Psychologen, ...) im Falle des Todes oder bei schwerer Körperverletzung Anzeige erstatten. Neu ist, dass diese Verpflichtung auch bei einem Verdacht auf Vergewaltigung besteht.

Arbeit mit Polizei und im Flüchtlingsheim

Die Expertinnen des GSZ bilden auch den Polizeinachwuchs an den drei Sicherheitsakademie-Standorten in NÖ aus. Und das fruchtet: Die Bereitschaft der Polizei, bei eskalierenden Beziehungskonflikten einzugreifen, habe im Gegensatz zu früheren Zeiten „wirklich Einzug gefunden“, sagt Egger. Im Sommer habe es zwei Fälle gegeben, wo Frauen aus entlegenen Regionen ins Frauenhaus gebracht werden mussten. Mit Hilfe der Polizei habe die Rettung in beiden Fällen gut funktioniert. Auch, dass die Einvernahme bei Gewalttaten gegen Frauen von Polizistinnen durchgeführt werde, sei ein wichtiger Schritt.

Was sind die nächsten Projekte? Derzeit bemühe man sich, die Gewaltschutzarbeit näher an das Gesundheitswesen heranzuholen. Mit den Landeskliniken funktioniere das sehr gut, sagt Egger. Aber bei den Hausärzten, die bei Gewalt oft die erste Anlaufstelle sind, „besteht großer Aufholbedarf“.