„Alkohol am Steuer war früher ein Kavaliersdelikt“

Erstellt am 10. August 2022 | 04:53
Lesezeit: 4 Min
Alkohol Alkolenker Symbolbild
Symbolbild
Foto: Pair Srinrat/Shutterstock.com
1997 verbot der Nationalrat das Fahren mit über 0,5 Promille. Das Bewusstsein hat sich seither verändert, sagt Verkehrspsychologin Bettina Schützhofer. Auch die Zahl der Unfälle ging zurück. Dennoch gab es zuletzt eine besorgniserregende Entwicklung.
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Zwei große Bier oder drei Achterl Wein: Wer das getrunken hat und sich hinter das Steuer setzt, muss mit einer saftigen Strafe rechnen. In kurzer Zeitspanne ergeben sich damit für einen Menschen mit 60 Kilo mehr als 0,5 Promille. Und hier liegt seit 25 Jahren die Grenze: Der Nationalrat beschloss 1997 den beim Fahren erlaubten Alkoholgehalt von den 1961 eingeführten 0,8 auf 0,5 Promille zu senken.

Auslöser für die Verschärfung war eine Reihe tödlicher Unfälle, bei denen Alkohol im Spiel war. Wein, Schnaps und Co. beeinträchtigen die Aufmerksamkeit, wie die Wissenschaft weiß, schon bei kleiner Menge: Ab 0,3 Promille ist das Sehfeld eingeschränkt, Probleme bei der Entfernungsschätzung können auftreten.

Alko-Tote
Quelle: KfV/Statistik Austria
Foto: Illustrationen: Dzm1try/Shutterstock.com; NÖN-Grafik: Gastegger, Hammerl

25 Jahre nach dem Beschluss der 0,5-Promillegrenze ist die Zahl der Verkehrsunfälle insgesamt zurückgegangen. Laut den Daten des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) wurden 1997 in NÖ noch 9.832 Unfälle verzeichnet. 2021 waren es 8.933 Unfälle. Noch deutlicher zeigt sich der Rückgang bei den tödlich Verunglückten: Das waren 2021 30 Prozent weniger als im Jahr 1997.

Die Promillegrenze ist nicht der einzige Grund für den Rückgang der Verkehrsunfälle. Das führt man im KfV auch auf andere Maßnahmen der Verkehrssicherheit wie die Einführung der Section Control, der Winterreifenpflicht und Ähnliches zurück.

Dort sieht man die Grenze aber als wichtigen Beitrag und Teilerfolg: „Das war ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Klaus Robatsch, Leiter der Abteilung für Verkehrssicherheit.

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Klaus Robatsch (KfV) fordert mehr Alkoholkontrollen.
Foto: KfV

Für ihn ist aber klar, dass man beim Fahren gar nichts trinken sollte. Bei den Jungen sei das nicht zuletzt durch die Einführung der 0,1-Promillegrenze für Fahranfänger mittlerweile angekommen.

Zuletzt war Alkohol wieder häufiger die Unfallursache

Trotzdem brachten die vergangenen Monate eine besorgniserregende Entwicklung: Während Ablenkung oder Vorrangverletzungen seit einigen Jahren die häufigsten Unfallursachen sind, nimmt nun auch Alkohol wieder einen größeren Platz in der Statistik ein: Im ersten Quartal 2022 waren laut KfV 8,5 Prozent aller Unfälle in Österreich auf Alkohol zurückzuführen. Das ist anteilsmäßig der höchste Wert seit 30 Jahren. Robatsch geht davon aus, dass die Dunkelziffer in allen Jahren sogar höher ist. Denn nicht bei allen Unfällen wird eine Alkoholkontrolle gemacht.

Für Verkehrspsychologin Bettina Schützhofer kam der Anstieg der alkoholbedingten Unfälle überraschend: „In den vergangenen Jahren hat sich die gesellschaftliche Norm verändert. Alkohol am Steuer war früher ein Kavaliersdelikt, heute gibt es nur noch wenig Verständnis dafür“, sagt sie.

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Für Bettina Schützhofer kam die Trendwende überraschend
Foto: S.u.

Dass es nun plötzlich doch wieder so häufig vorkommt, führt sie auf unterschiedliche Ursachen zurück: „Aktuell sind die Menschen durch Pandemie, Krieg und Inflation mehrfachen Belastungen ausgesetzt und wir wissen, dass in Krisenzeiten immer mehr Alkohol konsumiert wird.“ Zudem hätten viele Menschen noch immer einen pandemiebedingten Nachholbedarf an Partymachen.

Illegale Drogen sind zunehmend ein Problem

Robatsch vom KfV fordert nicht zuletzt wegen dieser Entwicklung mehr Alkohol-Kontrollen und weiterhin Bewusstseinsbildung – allerdings nicht nur beim Alkohol, sondern auch bei Drogen. Das sei gerade bei den Unter-30-Jährigen in den vergangenen Jahren zum Problem geworden. Die Landespolizeidirektion führt über die Alkoholkontrollen und Anzeigen erst seit 2009 Statistik. Der Blick auf die Daten zeigt, dass die Zahl der Anzeigen wegen Alkohol am Steuer rückläufig ist. In der Zeit der Pandemie ging jedoch auch die Zahl der Verkehrskontrollen zurück, heuer ist sie wieder gestiegen. Wegen Drogen am Steuer gab es 2021 in NÖ mit 1.194 um 16 Prozent mehr Anzeigen als 2009.