Jetzt trifft Corona den Mittelstand. Sozialexperten sagen, dass durch Corona die Armut steigt und das auch ganz neue Bevölkerungsgruppen trifft.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 21. Oktober 2020 (05:22)
Sozialexperten warnen vor Armut des Mittelstandes und davor, dass das dicke Ende noch kommt: Wolfgang Brillmann (SAM NÖ), Maria Nirnsee (arbeitplus), Michael Lackenberger (Schuldnerberatung NÖ), Barbara Bühler (NÖ Armutsnetzwerk), Martin Litschauer (Caritas Erzdiözese Wien), Beate Schneider (Caritas St. Pölten).
U. Oswald

Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und irgendwann Armut: Viele Menschen rutschen seit Beginn der Coronakrise immer tiefer in eine Existenzkrise. Das Armutsnetzwerk präsentierte nun mit einigen seiner 27 Mitgliedsorganisationen (siehe Infobox), was die Krise bereits ausgelöst hat.

Wolfgang Brillmann, Geschäftsführer der soogut-Sozialmärkte in NÖ, spricht von einem Kundenzuwachs von rund zehn Prozent, bedingt auch durch den Anstieg der Arbeitslosigkeit.

„Corona hat es für Menschen, die am Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen, noch schwieriger gemacht“, bestätigt Maria Nirnsee, Geschäftsführerin des Vereins arbeitplus, in dem soziale Unternehmen vernetzt sind. Hauptbetroffen ist die Gruppe der 25- bis 49-Jährigen. Der Spruch: „Wer etwas gelernt hat und arbeiten will, der findet auch Arbeit“ stimme einfach nicht mehr. Nirnsee fordert eine aktive Arbeitsmarktpolitik mit geförderten Beschäftigungsmodellen, die Einbeziehung der Betroffenen und mehr Arbeitsteilung.

Die Schuldnerberatung NÖ schlägt sich laut deren Leiter Michael Lackenberger derzeit mit eher unüblicher Klientel herum: Viele Menschen aus der Mittelschicht schaffen es derzeit nicht mehr, Raten oder Schulden zu bedienen. „Derzeit haben wir die Ruhe vor dem Sturm“, sagt Lackenberger, „denn der Run auf die Schuldnerberatung kommt immer zeitverzögert, aber er kommt.“ Lackenberger wünscht sich daher mehr Bundesmittel für die Schuldnerberatung und „Gläubiger mit Augenmaß“. Denn leider, bedauert er, lehnten Gläubiger außergerichtliche Lösungen fast immer ab.

Mieten seit 2009 um 41 Prozent gestiegen

Auch die Caritas St. Pölten ist derzeit mit Klienten konfrontiert, die vor ein paar Monaten selbst nicht gedacht hätten, dass sie jemals „zur Caritas gehen müssen.“ Wohnen, sagt Beate Schneider von der Caritas St. Pölten, müsse einfach wieder leistbarer werden.

Barbara Bühler, Obfrau des Armutsnetzwerkes NÖ, zeigt auf, dass die Mieten in NÖ zwischen 2009 und 2019 um 41 Prozent gestiegen sind. 40 Prozent der niederösterreichischen Sozialhilfe neu (SAG NÖ), die seit Anfang 2020 in Kraft ist, sind für Mietkosten zweckgewidmet: Das bedeutet, dass einem alleinstehenden Sozialhilfe-Bezieher von seinen 917 Euro Sozialhilfe knapp 367 Euro für die Miete bleiben. Die kostet in der Realität für einen Ein-Personen-Haushalt aber im Schnitt 500 Euro, wie das jährlich errechnete Referenzbudget der Schuldnerberatung ausweist.

Auch die Ungleichbehandlung von Kindern in der Sozialhilfe sei unverständlich, beklagt Barbara Lui von der Diakonie. So sei nicht nachvollziehbar, warum das erste Kind noch 229 Euro bekommt, ab vier Kindern gibt es aber nur mehr 114 Euro pro Kind. „Diese Kinder haben keinen Computer und können schon am Homeschooling nicht teilhaben, und wegen beengter Wohnverhältnisse können sie meist auch keine Freunde einladen“ verdeutlicht Lui, dass es hier Menschen in einer sehr verletzlichen Lebensphase trifft.

Gestundete Abgaben rigoros eingetrieben

Generell hätten es Sozialhilfeempfänger auch bei der Wohnungssuche schwer, „die Zielgruppe ist am Wohnungsmarkt nicht die beliebteste, mit Sozialhilfebescheid bist du automatisch nachgereiht“, umreißt Lui.

Martin Litschauer von der Caritas Wien merkt an, dass Mieten und Energiekosten, die zu Beginn der Krise noch gestundet wurden, derzeit immer rigoroser eingefordert werden. Delogierungen und Energierabsperrungen seien die Folge. „Viele Menschen trauen sich auch nicht, bei Behörden um Hilfe anzusuchen“, weiß Litschauer. Überdies seien viele Anträge übers Internet zu erledigen - aber genau das haben armutsgefährdete Menschen oft nicht mehr.

Miet- und Energiekostenrückstände müssten in der Sozialhilfe berücksichtigt werden, fordert Litschauer. Die „Hilfe in besonderen Lebenslagen“, die früher für solche Situationen noch beantragt werden konnte, ist nämlich in der neuen Sozialhilfe nicht mehr inkludiert.

Das Armutsnetzwerk NÖ führt dazu bereits Gespräche mit den zuständigen Landesräten.