Virus treibt Frauen in die Armut. Nach einem Jahr Corona-Pandemie zeigt das Armutsnetzwerk NÖ auf, dass Frauen den größten Teil der Last tragen.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 10. März 2021 (03:42)
Den Großteil der unbezahlten Familienarbeit während der Lockdowns haben Frauen übernommen. Am Ende ihres Arbeitslebens stehen sie mit einer Pension da, die in NÖ um 43 Prozent geringer ist als jene der Männer.
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„Immer bleibt das Gefühl, dass sich das alles nicht mehr ausgeht“, zitiert ArmutsnetzwerkObfrau Barbara Bühler eine Freundin. Wie der Freundin geht es vielen Frauen: Überlastung, Planungsunsicherheit, Abhängigkeit, fehlender Handlungsspielraum und Gewalt – das sind die Themen, die in den Frauenberatungen des Jahres 2020 vorherrschend waren, wie Alexandra Koschier von der Lilith-Frauenberatung in Krems berichtet.

Bei über 20 Prozent der Österreicherinnen zeige sich eine Verschlechterung der Lebensqualität, Depressionen und Angstzustände nehmen zu. „Zwei Drittel der Frauen, die derzeit in unsere psychosoziale Beratung kommen, haben ihre Belastungsgrenze bereits erreicht“, sagt Koschier. Eine vierfache Mutter, die zusätzlich ihre pflegebedürftige Mutter betreut, habe ihr gesagt, dass sie sich selber gar nicht mehr wahrnehme.

Die Ursachen der aktuellen Frauenproblematik heißen aber nicht Homeschooling, Homeoffice oder knappes Budget, sie sind strukturell viel tiefer verankert: So sind viele Frauen in Berufen tätig, die von Kurzarbeit betroffen sind oder waren wie Gastronomie, Handel oder körpernahe Dienstleistungen – oder aber in extrem fordernden Berufen wie der Pflege. Dazu arbeiten viele Frauen wegen der Kinder in Teilzeit und mussten auch hier während der Pandemie weiter Stunden reduzieren, um die Kinder betreuen zu können. „Die bestehenden Ungerechtigkeiten sind sichtbarer geworden, die Herausforderung Beruf und Familie, die schon vorher ein Drahtseilakt war, hat sich weiter vergrößert“, sagt Bühler.

„Ich weiß gar nicht mehr, wie ich alles schaffen soll, und bin schon bei der kleinsten Kleinigkeit am Ende meiner Kräfte.“ Vierfache Mutter im Lockdown

Bei einer Sonderbefragung von Eltern im Zuge der Arbeiterkammer-Schulkostenstudie gaben 63 Prozent an, sich durch die Kinderbetreuung sehr gestresst zu fühlen, 48 Prozent der Eltern hatten zeitliche Probleme, ihre Kinder beim Distance Learning zu unterstützen. Und: Die Kinderbetreuung während der Lockdowns wurde hauptsächlich von den Müttern gestemmt.

Dazu kommen finanzielle Aspekte: Die Hälfte der Arbeitnehmerinnen in NÖ arbeitet laut Statistik Austria Arbeitskräfteerhebung 2019 in Teilzeit. Eine eigene Teilzeit-Studie der AK NÖ zeigt, dass 55 Prozent der Frauen, die unter 20 Stunden pro Woche arbeiten, maximal 1.000 Euro netto verdienen. Das heißt, die Frauen sind nicht nur beim laufenden Einkommen weit hinten, sie bekommen auch weniger Kranken- oder Arbeitslosengeld – und viele Jahre später auch weniger Pension. Der Genderpension-Gap liegt in NÖ bei 43 Prozent.

Aus diesem Grund fordert das Armutsnetzwerk eine Neubewertung von Sorgearbeit, Fairness in der Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, flächendeckende Kinderbetreuungsangebote, zuverlässige schulische Angebote auch während einer Krise, den Abbau digitaler Barrieren sowie niederschwellige, kostenfreie psychosoziale bzw. psychotherapeutische Versorgung.