AKW Zwentendorf: Ein Ort des Scheiterns im Porträt

Über unser Atomkraftwerk, das 1978 abgewählt wurde, Notlösungen, schräge Nutzungsideen und grüne Metamorphose.

Anna Perazzolo Erstellt am 06. Oktober 2021 | 05:53
AKW Zwentendorf
AKW Zwentendorf
Foto: EVN

Zum Spatenstich im Jahr 1972 hat niemand geahnt, dass Österreichs einziges Atomkraftwerk in Zwentendorf (Bezirk Tulln) fertiggestellt, aber nie in Betrieb genommen wird. Statt Energiegewinnung durch Atomspaltung wird dort heute Sonnenstrom durch Photovoltaik erzeugt.

Um Haaresbreite gescheitert

„Hier ist über drei Jahrzehnte alles gescheitert, was geplant wurde“, sagt Stefan Zach, Pressesprecher der EVN. In den 70ern war die Einstellung zur Atomkraft durchwegs positiv. In der Politik – SPÖ und ÖVP sprachen sich dafür aus – und der Gesellschaft. Zach schätzt, dass damals 65 Prozent der Bevölkerung der Atomkraft positiv gesinnt waren.

Dennoch scheiterte die Inbetriebnahme an den 30.000 Personen, die bei der Volksabstimmung 1978 für eine Mehrheit der Gegner sorgten. Auch nach der Abstimmung ging in Zwentendorf einiges schief. Man hoffte, das AKW irgendwann in Betrieb nehmen zu können. Um es vor dem Verfall zu schützen, ging man in den Konservierungsbetrieb. Schrauben wurden geölt, Teile in Plastik eingewickelt.

Jahrelange Übergangslösungen

Das AKW diente als Ersatzteillager für andere Werke in Europa. Außer den Brennelementen, einer Turbine und dem Generator konnte aber nichts verkauft werden. „98 Prozent der Originalteile sind noch heute in Zwentendorf erhalten“, weiß Zach. Der verlassene Reaktor fand seine Verwendung als Landesgendarmerieschule und als Sicherheitszentrum für deutsche Kraftwerk-Techniker.

Reaktor Zwentendorf
Bei Inbetriebnahme des AKW hätten zur Stromerzeugung in der 20 Meter tiefen Reaktor-Röhre radioaktive Brennstäbe Wasser zum Kochen gebracht.
NÖN

Bis zum japanischen AKW-Unglück Fukushima 2011. Deutschland wählte den Atomausstieg, und Zwentendorf wurde zum Rückbau-Trainingscamp umgemodelt. Geübt wurde, wie Kernkraftwerke gefahrlos stillgelegt werden können.

Viele Pläne waren im Gespräch

„Zwentendorf ist ein Ort, der schräge Menschen und schräge Projekte angezogen hat wie kein Zweiter“, sagt Zach. Der Künstler Hundertwasser wollte ein Museum der fehlgeleiteten Technologien errichten. Wäre es nach dem Kärntner Baumeister Robert Rogner gegangen, wäre dort ein Abenteuerland entstanden. Auf die Spitze trieb es der durch den Fall Lucona bekannte und verurteilte Udo Proksch: Um die Trauerkultur zu verändern, wollte er einen Friedhof der Senkrechtbestatteten bauen. Alle Ideen wurden abgelehnt.

Heute lockt der leer stehende Reaktor jährlich tausende Besucher an, davon profitiert auch die Raststation Bärndorferhütte am Donauradweg. Seit 2010 werden im AKW Führungen angeboten. Immer wieder dient es als Filmkulisse und Veranstaltungsort. Beim Shutdown Festival bewegten sich etwa 13.000 Gäste zur Hardstyle-Musik.

Eigentümerwechsel änderte viel

Neben einem „wunderschönen Stück österreichische Zeitgeschichte“ hat die EVN im Jahr 2005 ein 24 Hektar großes, als Kraftwerksgelände gewidmetes Areal erworben. Für das Unternehmen dient es als Reservestandort für ein mögliches Kraftwerk. 1,8 Millionen Haushalte hätte das AKW versorgt. Die PV-Anlage mit 2.300 Paneele und 450 Kilowatt Leistung wandelt Sonnenstrahlen in Energie um. Somit verdient sich der Weg, der zum AKW führt, den Namen „Sonnenweg“, den er seit 2009 trägt, allemal.