„Auch Justitia hat verbundene Augen …“. Blind / Gerhard Höllerer aus Altlengbach ist neuer Verwaltungsrichter — mit Handicap.

Erstellt am 04. August 2013 (16:56)
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Von Renate Hinterndorfer

„Bis jetzt haben sich immer alle gegen blinde Richter gewehrt. Es ist ein großer Erfolg, dass wir das jetzt erreicht haben.“ Gerhard Höllerer aus Altlengbach im Bezirk St. Pölten kann es noch gar nicht glauben, dass er zum Richter ernannt worden ist.

Höllerer wird am neuen Verwaltungsgerichtshof, der am 1. Jänner 2014 seine Tätigkeit aufnimmt, Recht sprechen. Das Team besteht aus 168 Richtern, 80 davon sind neu, zwei davon blind: Neben Höllerer auch Richter Alexander Niederwimmer aus Linz.

Höllerer freut sich auf seine neue Tätigkeit: „Das ist eine große Herausforderung. Richter sind weisungsfrei und unabsetzbar. Richter zu sein ist eine Berufung auf Lebenszeit.“

Über 400 Juristen haben sich für ein Richteramt am Verwaltungsgerichtshof beworben. Das Auswahlverfahren sei heftig gewesen, betont der 45-Jährige, man sei auf Herz und Nieren geprüft worden. Nach der schriftlichen Bewerbung wurden über eine Agentur persönliche und fachliche Eignung festgestellt. 201 Bewerber wurden zu einem Hearing eingeladen, 80 Personen wurden ausgewählt.

Für welche Aufgaben er zuständig sein wird, weiß Gerhard Höllerer noch nicht: „Ich lasse das auf mich zukommen. Alle Bereiche sind spannend, jeder hat seinen eigenen Reiz.“

Vorbehalte, dass sich sein Handicap negativ auf seine Arbeit auswirken könnte, kann er nicht verstehen. Im Alter von 16 Jahren erblindete der Altlengbacher nach einem Unfall. Trotz seiner Behinderung hat er Jus studiert und eine beachtliche Karriere im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung hingelegt. Der gebürtige Niederösterreicher ist mittlerweile seit 27 Jahren im öffentlichen Dienst tätig. Und noch nie habe er wegen seiner Blindheit ein Problem gehabt, weder beim Studium noch im Beruf.

Die meisten Unterlagen seien ohnehin digital aufbereitet, sagt Höllerer. Mit einer speziellen Software wird eine Sprachausgabe erstellt, der blinde Jurist hört so den Inhalt der Information. Zusätzlich gibt es noch die Braille-Zeile, mit der der Text mit den Fingern ertastet wird. „So kann ich uneingeschränkt arbeiten.“

Auch bei Verhandlungen werde es keine Probleme geben: „Man kann aus der Stimme viel heraushören. Und Justitia hat ja verbundene Augen.“


Gerhard Höllerer

Gerhard Höllerer ist gebürtiger Altlengbacher, lebt in Altlengbach und Wien. Er ist seit zehn Jahren mit Dagmar Höllerer-Fellner verheiratet. Zu seinen Hobbys zählen Lesen, Gartenarbeit, Reisen und Sport.

Ausbildung: Höllerer besuchte die Landwirtschaftliche Fachschule Norbertinum Tullnerbach, weil er den Betrieb seiner Eltern übernehmen wollte. Aufgrund eines Unfalls erblindete er im Alter von 16 Jahren und änderte seine Pläne. Nach einer Umschulung am Bundes-Blindenerziehungsinstitut Wien nahm Höllerer 1987 seine Tätigkeit im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung auf. 2008 schloss er das Studium der Rechtswissenschaften zum Mag. Iur. ab. Er wurde zum Beamten ernannt, danach zum Fachinspektor, zum Oberrat und dann zum Ministerialrat. Seit 20 Jahren ist Höllerer Behindertenvertrauensperson im Dienststellenausschuss des Wissenschaftsministeriums.