„Brückensturz“: Prozess wird neu verhandelt. Knalleffekt / Freispruch der Laienrichter am Kremser Landesgericht im Mordprozess um einen Studenten, der einen Freund von der Brücke gestoßen haben soll, wegen „Irrtums“ ausgesetzt.

Erstellt am 01. September 2013 (17:16)
NOEN, Sommer
Kein Urteil: Der Richter-Senat unter Vorsitzender Susanne Daniel (Bild) setzte den Wahrspruch aus. Foto: Sommer
Von Petra Vock und Eva Hinterer

„Jetzt geht alles von vorne los“, seufzt Verteidiger Erich Gemeiner, der mit seinem Kollegen Ekkart Hinney einen „Wahnsinnserfolg“ erzielte: Im „Brückensturz“-Prozess am Landesgericht Krems entschieden die Geschworenen einstimmig gegen versuchten Mord und mehrheitlich für fahrlässige schwere Körperverletzung. Ein Irrtum, fanden die drei Richterinnen. Also gibt es kein Urteil.

Aussetzen des Urteils von Laienrichtern als „sinnvolles Korrektiv“

Als „sinnvolles Korrektiv“ und „gar nicht so selten“ bezeichnet Rudolf Beck, Vizepräsident der NÖ Rechtsanwaltskammer, das Aussetzen des Urteils von Laienrichtern. Juristische Sachverhalte seien für Laien oft zu kompliziert, kritisiert Beck ein generelles Problem der Laiengerichtsbarkeit.

Sehr gut zeige sich der Vorteil dieser Eingriffsmöglichkeit am aktuellen Fall des Wiener Doppelmordes*, so Beck: Hier wurde das Urteil der Laienrichter, die im April 2013 einen der beiden Täter freigesprochen hatten, aufgehoben.

Die Geschworenen hatten die DNA-Spuren am Tatort nicht berücksichtigt. Das Urteil der Geschworenen lautete damals auf 4:4, da im Zweifel für den Angeklagten gilt, wurde er freigesprochen. Nach dem Aussetzen des Urteils wurde jetzt von einem neuen Richtersenat und neuen Geschworenen ein Schuldspruch mit 7:1 gefällt.

Verteidigung: Aus vollem Lauf gestoßen, um zu helfen

Zurück zum aktuellen Fall: „Es ist absolut nicht nachvollziehbar, warum“, versteht Verteidiger Erich Gemeiner die Entscheidung der Richter nicht. Sein Mandant, der deutsche Student Marc S. (24), nahm laut Staatsanwältin Kristin Sterlini am frühen Morgen des 1. März den möglichen Tod des Waldviertlers Gernot K. (21) in Kauf: Er soll ihn absichtlich über das Geländer der Wienerbrücke gehoben und sechs Meter hinabgeworfen haben.

Anders die Version der Verteidigung: S. habe K. nur aus vollem Lauf gestoßen, um seinem Freund zu Hilfe zu kommen, der in eine Rauferei verwickelt war. Der Sturz über das damals knapp einen Meter hohe Geländer, bei dem K. schwer verletzt wurde, sei nicht beabsichtigt gewesen.

„Wäre glücklich, wenn ich vor Weihnachten die Hauptverhandlung hab’“

Die Geschworenen glaubten S., der unter Tränen beteuerte: „Ich habe zu keinem Zeitpunkt versucht, jemanden zu ermorden oder zu verletzen.“

Nach Aussetzen des Wahrspruchs bleibt S. in Untersuchungshaft. „Sonst wäre er am Tag der Verhandlung nach Hause gegangen“, so Erich Gemeiner. Nun heiße es wieder warten: „Ich wäre glücklich, wenn ich vor Weihnachten die Hauptverhandlung hab’.“

Beim zweiten Verfahren mit neuen Geschworenen und neuem Richtersenat kann der Wahrspurch der Geschworenen nicht mehr ausgesetzt werden.

* Am 22.6.2012 wurden in Wien eine 88-jährige Dame und ihre Pflegerin von zwei Männern überfallen und ermordet; während ein Täter im ersten Prozess schuldig gesprochen wurde (lebenslang), ging der zweite frei.