Kampf dem Hunger in Westafrika. Dritte Hungerkatastrophe in sieben Jahren droht. Hauptbetroffen ist der Senegal.

Von Anita Kiefer. Erstellt am 21. Juli 2014 (10:50)
NOEN, Foto: Kiefer
Eine Familie im mauretanischen Flüchtlingsdorf Ousseino. Insgesamt muss für 20 Kinder gesorgt werden.

Ousseino, ein mauretanisches Flüchtlingsdorf in der Region Matam im Norden Senegals. Das Thermometer zeigt knapp unter 50 Grad Celsius – durchaus typisch für die Sahelzone. Diese fast 50 Grad rauben den Besuchern bei der Ankunft im Dorf den Atem. Noch schwerer zu schaffen macht ihnen die Situation der Menschen, die hier in bitterster Armut leben: Ein großer Teil der Bevölkerung im Senegal muss, wie die Menschen hier in Ousseino, tagtäglich bei brütender Hitze, lang anhaltender Dürre und dramatischer Nahrungsmittelknappheit ums Überleben kämpfen.

Ein Familienvater aus Ousseino erzählt: „Wir verdienen nichts, leben von dem, was wir hier haben.“ Er und seine Frau müssen für insgesamt 20 Kinder sorgen (siehe Bild unten). Einen Teil der Kinder haben sie in ihre Familie aufgenommen, weil deren Mutter verstorben ist. Vier sind im Krankenhaus – wegen Malaria.

Ein Schulbesuch ist für die Kinder dieser Familie nicht möglich. Die Familie kann sich die Unterrichtsmaterialien nicht leisten. Im ganzen Dorf gehen nur zwei Kinder zur Schule.

„Woanders ist es noch schlimmer"

Ans Weiterziehen denkt der Familienvater trotzdem nicht. „Woanders ist es noch schlimmer. Es macht keinen Sinn wegzugehen. Wir wollen hier bleiben und versuchen, das Beste daraus zu machen.“ Trotz allem hat er die Lebensfreude nicht verloren: „Wir sind zwar arm in Afrika. Aber wir lachen. Das ist die Stärke Afrikas.“

Ortswechsel. Im wenige Kilometer entfernt gelegenen Ernährungszentrum CREN in Orou Sogui sitzt die 25-jährige Houreýe Mamadou Kane auf einem Bett. Im Arm hält sie ihren 18 Monate alten Sohn Sada. Er wiegt 5,3 Kilogramm – und ist damit schwer unterernährt. In seinem Alter sollte er mindestens neun Kilogramm wiegen. „Ich habe zu wenig Milch, weil ich zu selten esse“, erzählt die Mutter zweier Kinder. Sie ernährt sich fast ausschließlich von Reis.

Ihr Ehemann lebt seit sieben Jahren illegal in Paris, schickt nur sporadisch Geld, kommt nur ab und zu zurück in den Senegal. Houreýe Mamadou Kane kann nur überleben, weil sie bei ihrer Schwiegerfamilie lebt. Mit ihrem Sohn ist sie nicht nur wegen dessen Unterernährung ins Ernährungszentrum gekommen. Er hat außerdem die Malaria.

NOEN, Foto: APA/Helmut Fohringer
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Durch die Behandlung im Ernährungszentrum kann die Unterernährung aber oft nur kurzfristig bekämpft werden, weiß Pflegedienstleiter Serif Kama: „Es passiert sehr häufig, dass Kinder behandelt werden, nach Hause kommen und dann wieder erkranken.“ Ein bis zwei Mal pro Monat gibt es im Ernährungszentrum einen Todesfall. „Das passiert meist bei Kindern, die sehr spät eingeliefert werden oder starke Komplikationen haben.“

„Das Skandalöse am Hunger ist, dass er vermeidbar wäre. Das ist keine Frage des Könnens, sondern eine Frage des Wollens“, findet Caritas-Präsident Michael Landau klare Worte dazu. „Wir müssen die Not der Hungernden hier und in Syrien bewältigen.“ Die Caritas Österreich unterstützt daher seit 1. Juli drei Einrichtungen im Senegal wie jene in Orou Sogui mit 100.000 Euro aus der Katastrophenhilfe.

Zwei Millionen Euro jährlich gegen Hunger

Insgesamt werden jährlich rund zwei Millionen Euro in der Sahelzone für den Kampf gegen den Hunger aufgewendet, weiß Christoph Schweifer, Caritas-Auslandshilfechef. Denn die Lage ist kritisch: Innerhalb von nur sieben Jahren droht in Westafrika die dritte Hungerkatastrophe. Ein Grund ist das Absinken der Jahresniederschlagsmenge.

Im Senegal sind 2,2 Millionen Menschen – bei rund 11 Millionen Einwohnern – von Nahrungsmittelknappheit betroffen. In der Sahelzone sterben jährlich 200.000 bis 300.000 Kinder an den Folgen von Mangel- oder Unterernährung.