Bergretter: Skitourenboom birgt Gefahren. Bergrettung und Sporthandel rechnen heuer mit „noch stärkerem“ Skitouren-Boom - und mit mehr Unfällen.

Von Norbert Oberndorfer und Markus Zauner. Erstellt am 10. Dezember 2020 (04:47)
13 Menschen starben in Österreich durch Lawinenabgänge im Winter 19/20.
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Seit März stiegen die Einsätze der Bergrettung um 25 Prozent. Und sie werden diesen Winter Corona-bedingt weitersteigen, glaubt Matthias Cernusca, Landesleiter der Bergrettung NÖ-Wien.

In letzter Zeit häufen sich alpine Rettungen im Schneeberg-Rax-Gebiet, weil Bergwanderer die frühe Dunkelheit unterschätzen oder auf Google eingezeichneten Wegen folgen, die gar nicht existieren, oder auch zu spät aufbrechen.

„Google Maps mag für die Straße reichen, aber für die Tourenplanung in den Bergen braucht es eine analoge Karte, vielleicht ein GPS-Gerät, die richtige Einschätzung der Tour und der eigenen Kondition“, sagt Cernusca.

Besonders Anfänger schätzen abseits der Piste die Gefahrensituation oft nicht richtig ein. „Schnell ist die Ausrüstung eingekauft, aber man beherrscht die Handhabung nicht.“

Das müsse man üben. Alle Alpenvereine bieten dafür Kurse für Skitour- und Schneeschuhgehen an. „Oder man nimmt sich einen Ausbildungstag mit einem Bergführer“, rät Cernusca.

„Die Bergrettung holt einen eh immer raus – das ist eine Mär.“ Matthias Cernusca, Landesleiter Bergrettung

„Die Bergrettung holt einen eh immer raus – das ist eine Mär“, sagt Cernusca. Eine Bergung müsse unterbrochen werden, wenn es Witterung, Dunkelheit oder andere Umstände erfordern. „Wir sind keine Helden, die sich jedem Risiko unverantwortlich stellen. Das Einsatzrisiko wird auch abgewogen“, sagt Cernusca. Daher appelliert er an alle Wintersportler, sich vor Tourenbeginn ins freie Gelände gut zu informieren und vor allem mit Vernunft und Eigenverantwortung zu agieren.

Bei einem alpinen Notfall spiele die Kameradenrettung eine „entscheidende Rolle“. „Die Überlebenschance bei einer Lawinenverschüttung sinkt für den Verschütteten nach 15 Minuten rapide. Deshalb ist es auch so wichtig, dass man weiß, wie man mit der Schutzausrüstung umgeht.“

Für die Wintermonate rechnen die Bergretter mit einem stärkeren Touren-Boom als üblich, weil aufgrund der Coronapandemie viele Menschen nicht wegfahren werden.

„Als Bergrettung stehen wir neutral da und sprechen uns nicht für die Schließung von Pisten aus. Tourengehen ist ja ein wunderschöner Sport, der aber die richtige Ausrüstung, Planung und Wissen voraussetzt“, sagt Cernusca.

Auch der Handel rechnet mit Rekordverkaufszahlen. Im Vorjahr wurden 60.000 Tourenski-Ausrüstungen verkauft. Dieser Trend habe im Oktober angehalten, sagt Michael Nendwich von der Wirtschaftskammer NÖ.

Nach einem Umsatzknick im November durch den Lockdown rechnet Nendwich, dass sich der Verkaufstrend im Dezember fortsetzt. „Skitouren sind ein Trendsport geworden. Sobald der erste Schnee liegt, sind Tourengeher unterwegs.“ Dann wird auch die neu adaptierte Skistraße am Muckenkogel Sportler in die Berge locken.