Impfung für Kinder: „Es fehlen derzeit noch Daten“

Epidemiologe Gerald Gartlehner ist bei der Impfung für Kinder noch vorsichtig. Die Studie „ist relativ klein“.

Walter Fahrnberger
Walter Fahrnberger Erstellt am 02. Juni 2021 | 13:52
gerald gartlehner
Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Uni Krems.
Foto: APA/Neubauer

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Donau-Uni Krems. Nach der EMA-Freigabe der Covid-Impfung für Kinder ab 12 Jahren nimmt er zum Thema Stellung.

NÖN: Viele Eltern sind noch verunsichert, ob sie ihre Kinder impfen sollen. Würden Sie Ihre Kinder zwischen 12 und 15 Jahren gegen Corona jetzt sofort nach der Zulassung impfen lassen?

Gerald Gartlehner: Bevor wir alle Kinder impfen lassen, brauchen wir in Österreich noch eine differenzierte Diskussion über eine Abwägung von Nutzen und potenziellen Risiken bei Kindern. In Deutschland hat diese Diskussion schon begonnen, sowohl das Robert Koch Institut als auch die Ständige Impfkommission fordern mehr Daten, bevor sie eine Empfehlung abgeben können. Bei uns überwiegt noch der Enthusiasmus, dass man Kinder bald auch impfen kann. Die Abwägung ist aber eine andere als bei Erwachsenen, weil Kinder nur ganz selten schwer erkranken. Dadurch haben Kinder auch weniger Nutzen von der Impfung als Erwachsene. Mit Impfzwischenfällen wird man aber auch bei Kindern rechnen müssen, wenn auch in sehr seltenen Fällen.

Wie lange wurde der Impfstoff an Kindern erprobt, wie groß ist die Studie?

Gartlehner: Die Pfizer-Studie an Kindern ist relativ klein. 2.260 Kinder zwischen 12 und 15 Jahren wurden eingeschlossen. 1.131 erhielten die Impfung, davon hatten 0,4 Prozent schwere Nebenwirkungen wie zum Beispiele schwere allergische Reaktionen. Die meisten Kinder wurden ein bis zwei Monate nach der zweiten Impfung nachbeobachtet.

Sind die Studien zu den Nebenwirkungen bei Kindern ausreichend, oder sollten die Eltern noch einige Zeit abwarten?

Gartlehner: Ich verstehe hier die Position des Robert Koch Instituts und der Ständigen Impfkommission. Beide sagen, dass auf Basis der derzeitigen Daten noch keine klare Entscheidung für oder gegen eine Impfung getroffen werden kann.

Welche Nebenwirkungen der Impfung können bei den Kindern auftreten. Sind auch schwere Folgenschäden möglich?

Gartlehner: Hauptsächlich sind es die üblichen Impfreaktionen wie Fieber, lokale Rötung, Kopfschmerzen, etc. Die schweren Nebenwirkungen werden im Dokument der FDA (Anm.: US-Arzneimittelbehörde) nicht genannt. Wahrscheinlich waren es schwere allergische Reaktionen.

Wie hoch ist der Anteil an Kindern, die schwer an Corona erkranken?

Gartlehner: Das ist wirklich schwer zu sagen, weil die Dunkelziffer bei Kindern sehr hoch ist und man nicht wirklich weiß, wie groß die Zahl der Infizierten überhaupt ist. Es gibt aber schon schwere Verläufe, vor allem bei Kindern mit chronischen Erkrankungen oder starkem Übergewicht. In den USA gab es auch Todesfälle.

Gibt es Fälle von Long-Covid bei Kindern?

Gartlehner: Auch dazu gibt es noch keine Daten, aber wahrscheinlich schon.

Überwiegt bei den Impfungen der Kinder die Notwendigkeit Herdenimmunität oder sehen Sie es als wichtigen Schutz für die Kinder?

Gartlehner: Aus epidemiologischer Sicht ist es natürlich gut, möglichst viele Personen zu impfen, um möglichst rasch Herdenimmunität zu erreichen. Aus Sicht der evidenzbasierten Medizin ist es etwas differenzierter, weil man Nutzen und Risiken bei jedem einzelnen Kind sehr genau gegeneinander abwägen muss. Es wird sicher viele Einzelfälle geben, bei denen Kinder unbedingt geimpft werden sollen – zum Beispiel weil sie eine Erkrankung wie Diabetes haben oder weil eine Angehörige eine Risikoperson ist. Ob flächendeckend wie bei Erwachsenen geimpft werden soll, dazu fehlen meiner Ansicht derzeit noch die Daten.

Zuletzt gab es Diskussionen, die FFP2-Maskenpflicht früher zu beenden. Ist die Zeit schon reif dafür, oder laufen wir Gefahr, niedrige Inzidenzen zu „verspielen“?

Gartlehner: Es gibt Bereiche, wo sie bleiben sollten, zum Beispiel in Pflegeheimen und Spitälern. In anderen Bereichen, vor allem im Außenbereich, kann man ganz sicher schon lockern.