Virologe Gerald Gartlehner: „Masken bieten Schutz“. Epidemiologe sammelte für WHO Fakten über Covid-19. Er ist überzeugt, dass Quarantäne wirkt, das Virus nicht auszurotten ist, und kritisiert das Contact Tracing.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 14. Oktober 2020 (03:15)
Gerald Gartlehner arbeitet am Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Donau-Uni Krems.
privat, Shutterstock/GB

10.000 wissenschaftliche Artikel hat ein Team der Donau-Uni Krems seit Februar durchgeackert. Gelesen haben die Forscher rund um Virologen Gerald Gartlehner die tausenden Seiten mit einem Ziel: mehr Fakten über das Coronavirus zu sammeln und Falschinformationen zu entlarven.

Seit sie den Auftrag im Jänner von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekommen haben, hat sich viel getan. „Damals war das Virus noch gar nicht richtig in Europa angekommen“, erinnert sich Gartlehner. Wissen darüber fehlte. Mythen verbreiteten sich.

Heute ist über Covid-19 schon einiges bekannt. Das Genom, also das Erbgut des Virus, wurde entschlüsselt. Zudem hat man herausgefunden, was nicht wirkt, sagt der Epidemiologe – etwa das von Trump empfohlene Bleichmittel.

Absonderung funktioniert nur, wenn sie sofort beginnt

Gartlehner stürzte sich auf zwei Themen: In vielen schlaflosen Nächten versuchte er herauszufinden, wie wirksam Quarantäne ist, und ob Screening, also systematische Tests in gewissen Gruppen oder Gebieten, funktioniert.

Was die Quarantäne betrifft, meint der Virologe nun: Sie ist ein wirkungsvolles Mittel. Allerdings funktioniert die Absonderung nur, wenn sie sofort beginnt. Im besten Fall müsse eine infizierte Person binnen 24 Stunden in Isolation – Kontaktpersonen 24 Stunden danach in Quarantäne, da Leute bereits drei Tage nach dem Kontakt ansteckend sind.

In der Praxis scheitere man daran: „In Wien läuft das Contact Tracing viel zu langsam“, kritisiert der Experte. Am Land funktioniere das besser. „Ich habe den Eindruck, dass es in NÖ ganz gut klappt.“ Einen zweiten Lockdown sieht Gartlehner kritisch: „Das hat für Menschen psychisch schlimme Folgen, fürs Land wirtschaftliche.“

Screenings, wie sie im Tourismus oder mit Gurgeltests an Schulen gemacht werden, sind aus Sicht des Experten wirkungslos. „Das ist ein politischer PR-Gag.“ Sechs von zehn positiven Tests seien falsch positiv. Die Testung erkrankter Personen funktioniere besser: „Vor allem ganz zu Beginn der Symptome ist ein PCR-Test relativ verlässlich.“ Wenn man sichergehen will, ob jemand wirklich positiv oder negativ ist, müsste man die Person aber öfter testen.

Meinung zu Masken 180 Grad gedreht

Im Bereich der Masken hat Gartlehner seine Meinung um 180 Grad gedreht: „Masken schützen, davon bin ich jetzt überzeugt.“ Das sagen auch die wenigen Studien, die es zu diesem Thema gibt.

Getan ist die Arbeit für den Kremser und seinen Kollegen auf der ganzen Welt noch nicht: Wissenslücken gibt es über das Virus nach wie vor enorme. Das beginne nicht erst damit, dass man noch kein Medikament oder keinen Impfstoff hat. Ziel ist es aus Gartlehners Sicht, herauszufinden, wer Superspreader sind. „Es ist so, dass 80 Prozent der Infektionen von 20 Prozent der Leute ausgehen. Bei der Frage, wer die 20 Prozent sind, tappen wir im Dunkeln.“

Obwohl das Virus seinen beruflichen Alltag bestimmt, versucht der Epidemiologe, sich nicht davon einnehmen zu lassen. „Wenn man sich die Zahlen ansieht, haben wir wahrscheinlich schon eine zweite Welle“, überlegt er. Die Auslastung der Spitäler sei aber noch gering. Für Jüngere sieht er das Virus generell als geringere Gefahr. „Bei Älteren ist das anders. Hier ist die Sterberate wesentlich höher.“ Für sich selbst sagt Gartlehner: „Ich versuche, entspannt zu sein.“ Auch, wenn das Schlimmste ihm zufolge noch nicht überstanden ist: Die Zahlen werden noch steigen. „Wir werden Corona nicht ausrotten. Wir müssen lernen, damit zu leben.“