Frauerl schlug mit Leine zu: Notwehr?. GERICHT / Vom „Dorfclan“ fühlt sich eine Rentnerin verfolgt, und so herrscht statt friedlichem Landleben alltäglicher Kleinkrieg.

Erstellt am 13. November 2011 (19:48)
NOEN
VON JUTTA HAHSLINGER
„Wenn man einmal eine andere Meinung hat, ist das ganze Dorf gegen einen. Ich hab’ ihnen nie was g’macht. Ich weiß nicht, warum sie böse auf mich sind“, will sich die 67-jährige Pensionistin nicht erklären können, warum die Nachbarsfamilie plötzlich Front gegen sie macht. „Ich werde beschimpft, mit Steinen beworfen, über die Friedhofsstufen gestoßen, und einmal wollten sie mich mit einem Spaten erschlagen“, ereifert sich die rüstige Rentnerin vor Gericht.
„Alles erfunden“, kontert der 26-jährige Nachbar und schildert seinerseits: „Sie hat mich und meine Familie beschimpft. Dann ließ sie die Hunde an der Laufleine los und äußerte ,Beißt den Depperten!‘ Knapp vor mir hat sie die Vierbeiner dann abgebremst. Die Hunde bissen her und fletschten die Zähne. Ich kann mir vorstellen, was passiert, wenn sie sie einmal nicht mehr halten und stoppen kann. Als ich dann die Polizei anrief, zog sie mir mit der Leine eine über das Schulterblatt. In dem Gerangel kann ich sie gestoßen haben.“
„Ich habe nur in Notwehr zur Leine gegriffen. Er hat mich bedroht und hergeschlagen. Das war doch abgemacht. Er lief rund um mich, da verhedderten sich die Leinen, und er schrie laut, ‚Sie schlägt mich, sie schlägt mich und die anderen lachten“, beteuert die Pensionistin.
Nach den unterschiedlichen Versionen unterbrach Richterin Hüttl die Verhandlung – die Rechtsvertreter der Beschuldigten sollten mit ihren Mandanten zielführende Gespräche am Gang führen. Nach deren Lautstärke zu urteilen – Debatten waren noch im Gerichtssaal hörbar – entschied offenbar das ganze Dorf mit, wie Ankläger Franz Hütter anmerkte.
Richterin Andrea Hüttl schlug letztendlich „Waffengleichheit“ vor, um die Stimmung mit Verurteilungen nicht noch zu verschärfen: Mit der Bezahlung von je 500 e Geldbuße ist die Sache für die beiden Dorfbewohner vom Tisch.
Mahnende Abschlussworte der Richterin zu den Beschuldigten: „In der beschaulichen 100-Seelen-Gemeinde im Bezirk Krems soll wieder Ruhe einkehren!“