Wenn das Kind gehen muss.... Behördliches Einschreiten zum Wohl des Kindes erfordert Fingerspitzengefühl.

Von Gila Wohlmann und Eva Hinterer. Erstellt am 11. Februar 2020 (01:03)
Symbolbild
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Es ist eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten: eine Kindesabnahme. Der Nachwuchs wird aus dem gewohnten Umfeld gerissen, jedoch mit einem klaren Ziel: dem Kindeswohl. 2018 wurden rund 380 Kinder und Jugendliche von der NÖ Kinder- und Jugendhilfe in Krisenzentren oder bei kurzfristigen Pflegepersonen untergebracht. Wenn Kinder länger außerhalb ihrer Familien leben müssen, stehen neben Pflegeeltern auch sozialpädagogisch-inklusive Wohngruppen bereit. Der Kontakt zur Familie bleibt in der Regel aufrecht.

Bevor es überhaupt so weit kommt, ist die NÖ Kinder- und Jugendhilfe genau in die Abklärung der familiären Situation involviert. „Bei einer Kindeswohlgefährdung wird zuerst mit den Eltern und deren Nachwuchs ein Hilfeplan erstellt, mit dem Ziel, eine Verbesserung der Lebens- und Entwicklungsbedingungen zu erreichen“, führt der Leiter der Kinder- und Jugendhilfe NÖ, Kimon Poulios, aus. Wenn Familienberatungsstellen nicht ausreichen, ist die Kinder- und Jugendhilfe verpflichtet, selbst Erziehungsarbeit zu leisten, unterstützend oder in voller Übernahme der Erziehung.

Das akzeptieren aber nicht alle: Wenn Eltern Hilfe ablehnen, kann die Kinder- und Jugendhilfe die Entziehung der (teilweisen) Obsorge bei Gericht einbringen. Liegt akute Kindeswohlgefährdung vor, kann Kontaktunterbrechung sofort veranlasst und innerhalb von acht Tagen bei Gericht beantragt werden. „Meist ist es aber Vernachlässigung von Kindern“, weiß er er, warum eingeschritten werden muss. Vor allem Säuglinge, Kleinkinder oder Kinder mit besonderen Bedürfnissen sind betroffen. Vernachlässigung zeigt sich unterschiedlich. „Das beginnt bei mangelnder Förderung, geht über Missachtung der Gesundheit bis hin zu fehlender Aufsicht, unzureichender Pflege und Fürsorge“, zählt er auf.

Gewalt ist mannigfaltig und erfordert Fremdunterbringung: Eine „g´sunde Watschn“ oder dem Nachwuchs vermitteln, er sei wertlos, sowie sexuelle Übergriffe zählen dazu. Dass die manchmal vorgeworfene Behördenwillkür nicht möglich sei, erklärt er: „Die Beurteilung der Gefährdungssituation erfolgt immer im ,Vier-Augen-Prinzip’ durch zwei Fachkräfte. Psychologen, Pädagogen und Ärzte werden miteinbezogen.“

 „Die Beurteilung der Gefährdungssituation erfolgt immer im ,Vier-Augen-Prinzip’ durch zwei Fachkräfte.“ Kimon Poulios, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe NÖ

Rund 400 Beschwerden rund um den Nachwuchs gehen jährlich bei der Volksanwaltschaft ein, einige betreffen „Kindesabnahmen“. So fordert die Volksanwaltschaft Mindeststandards bei der Fremdunterbringung. „Diese richtet sich oft nicht nach den Bedürfnissen, sondern nach finanziellen Ressourcen“, kritisiert Volksanwalt Bernhard Achitz. Aktuell laufen daher Gespräche mit den Trägern der Jugendwohlfahrt. Berichte über Kinder, die zu lange, mitunter über Jahre, abgenommen werden, gibt es. „Manchmal sind sie berechtigt. Daher fordern wir, dass mehr in die Rückführung investiert wird.“ Hier sei Geld und Personal notwendig. Achitz hat aber Verständnis für die Behörden: „Der Druck, der auf der Jugendwohlfahrt lastet, ist groß.“