Aufstand der Physiotherapeuten. Ziemlich alleine gelassen in Zeiten von Corona fühlt sich die Berufsgruppe der Physiotherapeuten: Sie haben engsten Körperkontakt mit ihren Klienten, bekommen aber keine Unterstützung der Regierung. Der Bundesverband fordert jetzt eine behördlich angeordnete Schließung der Praxen, denn nur so kann es eine Ausfallhaftung geben. Das Gesundheitsministerium, das diese Schließung anordnen muss, überlegt derzeit noch.

Von Eva Hinterer. Update am 19. März 2020 (12:53)
Physiotherapie bedeutet vollen Körpereinsatz auch für die Therapeuten. Distanz zu halten ist hier nicht möglich. Daher fordert der Dachverband physioaustria Unterstützung von Behörden und Regierung.
Physio Austria

Physiotherapie bedeutet vollen Körpereinsatz auch für die Therapeuten. Distanz zu halten ist hier nicht möglich. Daher fordert der Dachverband Physio Austria Unterstützung von Behörden und Regierung. 

Physio Austria 

Viele Physiotherapeuten haben ihre Praxen auf Anraten des Dachverbandes Physio Austria geschlossen - und verzichten so auf Arbeit und Einkommen. "Ohne die behördlich angeordnete Schließung wird ihnen kein Teil der Ausfallszahlungen gewährt", sagt Physio-Austria -Präsidentin Constance Schlegl. Freiberufliche Physiotherapeuten würden ohne behördliche Schließung vor dem Nichts stehen. 

Mehrmalige Anfragen an die Behörden hätten keine Ergebnisse gebracht. "Das Wirtschaftsministerium fühlt sich nur zuständig für Wirtschaftskammerangehörige", kritisiert Schlegl.

Keine Ausfallshaftung ohne behördliche Schließung

Physiotherapeuten sind als „Neue Selbstständige“ nicht Teil der Wirtschaftskammer und haben daher keinen Anspruch auf Ausfallshaftung, erklärt Julia Stering, Pressesprecherin der Physio Austria. „Wir sind in einer extremen Situation, wir behandeln zum Beispiel einen 80-Jährigen und dann ein Kind.“ Aktuell sei man zwar angehalten, möglichst Abstand zu halten, im Rahmen einer Physiotherapie sei das aber schwer bis gar nicht machbar. Schutzkleidung und Masken würden ebenfalls nicht zur Verfügung gestellt.

Voller Körpereinsatz versus geforderte Distanz

Der Physiotherapeut Helmut Moser aus Ebreichsdorf betreut wöchentlich um die 80 Personen. „Mit vollem Körpereinsatz“, wie er sagt. Denn bei seinen Patienten reiche es nicht aus, ihnen aus zwei Metern Entfernung Anweisungen zu geben, „da muss ich mit Händen, mit dem Oberkörper, teilweise mit dem ganzen Körper arbeiten“, sagt Moser. Manche seiner Kollegen hätten nur ihren älteren Risikopatienten abgesagt und behandeln andere Gruppen weiterhin. Er habe sich gleich entschlossen, seine Praxis zu schließen. Denn letztlich hätte seine Berufsgruppe das Risiko abwägen sollen, aber das sei extrem heikel. „Wenn es nur Empfehlungen gibt, dann zahlt keine Ausfallversicherung“, sagt auch Helmut Moser, „dazu brauchen wir eine behördliche Schließung.“

Schramböck: "Hilfe aus Härtefonds"

Wirtschaftsministerin Schramböck hat am Mittwoch Hilfe aus dem Härtefonds zugesagt. Maßnahmen wie eine Steuerstundung oder eine Stundung der Sozialversicherungsbeiträge könnten auch bei Neuen Selbstständigen gesetzt werden, sagt die Ministerin.

Gesundheitsministerium: „Bedarf gründlicher Abwägung“

Die von den Physiotherapeuten geforderte behördliche Schließung wird im Gesundheitsministerium noch überlegt: „Das Bundesministerium ist gerade in Klärung dieses Themas mit den Involvierten, es ist ein komplexes Thema, das gründlicher Abwägung bedarf“, heißt am Donnerstag auf entsprechende Nachfrage der NÖN.

Jene Physiotherapeuten, die in Kuranstalten oder Rehabilitationszentren arbeiten, haben seit Donnerstag Gewissheit: Zur Eindämmung des Coronavirus wurden am 19. März auch Rehakliniken und Kuranstalten geschlossen, ebenso Thermen

In Österreich gibt es 14.000 Physiotherapeuten, rund die Hälfte von ihnen arbeiten als Neue Selbstständige.