NÖ Ärztekammerpräsident: „Europa war nicht vorbereitet“. Christoph Reisner, NÖ Ärztekammerpräsident, über die Folgen von Corona für die Ärzte.

Von Christine Haiderer. Erstellt am 03. Juni 2020 (01:56)
Christoph Reisner Präsident der Ärztekammer für NÖ und Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie.
Raimo Rumpler

Die Coronakrise hat den Alltag von allen verändert. Wie ging es Niederösterreichs Ärzten damit?

Christoph Reisner: Einige Spitalsärzte mussten Zwangsurlaub nehmen, andere waren auf Covid-19-Stationen Extremsituationen mit außerordentlicher Arbeitsbelastung ausgesetzt. Wahlärzte waren von den Coronamaßnahmen auch finanziell unmittelbar betroffen, weil keine Patienten mehr gekommen sind. Die Bevölkerung sollte ja nur in dringenden Fällen das Haus verlassen. Kassenärzte konnten ihre Patienten zumindest telefonisch betreuen. Sie erhalten Vorauszahlungen von der Gesundheitskasse, die allerdings in der Regel ab Jänner 2021 zurückgezahlt werden müssen. Die finanziellen Folgen sind von Ordination zu Ordination verschieden. Die Bandbreite reicht von massiven Einschnitten bis hin zur Insolvenz.

Wie haben Sie die Krise erlebt?

Reisner: Auch in meiner Ordination waren weniger Patienten. Ich habe mit Ärzten so viel telefoniert wie noch nie. Die Gespräche haben mir gezeigt, dass der Zusammenhalt in der Ärzteschaft sehr stark ist. Vor allem in der Anfangsphase wollten viele wissen, was sie tun sollen.

Welches Thema beschäftigte Ärzte damals besonders?

Reisner: Gerade zu Beginn gab es keine bis kaum Schutzausrüstung. Obwohl kaum Patienten in die Ordinationen kamen, waren die Ärzte aber für Akut- und Notfälle da. Damit haben sie sich permanent dem Risiko ausgesetzt, sich selbst zu infizieren und dadurch auch ihre Familie, ihre Partner, ihre Kinder zu gefährden. Der Großteil der Patienten hat sich an die Verhaltensregeln gehalten. Es gab aber auch Patienten, die mit Fieber in Ordinationen gekommen sind. Trotzdem hatten wir unsere Ordinationen offen, damit die Spitäler entlastet werden. Mich erschüttert, dass es für diese Bereitschaft, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren, keinen finanziellen Ausgleich von der öffentlichen Hand gibt. Man sollte wertschätzen, dass die Ordinationen geöffnet hatten – damit Ärzte ihre Ordinationen auch bei künftigen Krisen offen lassen.

Glauben Sie, dass das Gesundheitssystem vorbereitet war?

Reisner: Ganz Europa war nicht vorbereitet. Obwohl das Robert Koch Institut schon 2012 gewarnt hatte, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die nächste Pandemie auf uns zukommt. Aber: Man muss daraus lernen. Es muss jemanden geben, der dafür zuständig ist, dass Schutzmasken und Schutzkleidung vorhanden sind, wenn es wieder zu einer Krise kommt. Und das kann nur der Bund sein.

Was sollte sich noch ändern?

Reisner: Es ist wichtig, dass in Europa für Europa produziert wird, um Engpässe zu vermeiden. Was es bedeutet, wenn Medikamente in nur einer Region für die ganze Welt hergestellt werden, konnte man schon vor der Coronakrise sehen. Schockiert hat mich, wie Deutschland schon bezahlte Ware an der Grenze festgehalten hat.

Was wird von Corona bleiben?

Reisner: In den Ordinationen werden einzelne Relikte übrig bleiben, wie Plexiglasscheiben. In der Ärztekammer für NÖ wird es weiterhin Videokonferenzen geben. Patienten wurden darauf sensibilisiert, wie wichtig Hände waschen ist. Das betrifft alle Infektionskrankheiten. Und: Die Menschen verhalten sich achtsamer als früher. Sie sind sich unsichtbaren Gefahren, wie dem Coronavirus, bewusster.

Apropos Verhalten: Wie sollen sich Patienten aktuell verhalten? Wann sollten sie zum Arzt gehen?

Reisner: In den vergangenen Wochen haben viele Patienten trotz Beschwerden nicht ihren Arzt aufgesucht, um das Gesundheitssystem, andere oder sich selbst nicht zu gefährden. Doch jetzt sollten Patienten die Maßstäbe wieder wie früher anlegen. Wenn man eine ärztliche Behandlung braucht, sollte man zum Arzt gehen. In vielen Bereichen lassen sich Schäden und ein langes Leiden verhindern, wenn gesundheitliche Probleme frühzeitig erkannt und behandelt werden. In den Ordinationen gilt: Zurück zur Normalität mit entsprechenden Maßnahmen.