„Haben kein Drogenproblem". FALL KÜHRER / Der Pulkauer Bürgermeister Manfred Marihart ärgert sich über unseriöse Presseberichte.

Erstellt am 10. Juli 2011 (20:19)
NOEN
VON CHRISTOPH REITERER

Sonntagvormittag, zehn Tage, nachdem ein Nachbar die sterblichen Überreste der seit fünf Jahren vermissten Julia Kührer in einem Erdkeller in Dietmannsdorf (Gemeinde Zellerndorf) fand: Vier Kilometer vom Fundort entfernt sitzt Pulkaus Bürgermeister Manfred Marihart mit Freunden in einem Schanigarten am Hauptplatz. Der Kriminalfall um die damals 16-jährige Schülerin, deren Elternhaus wenige hundert Meter entfernt steht, ist nach wie vor Tagesgespräch.
„Alles andere wäre eine Lüge“, sagt der Bürgermeister. „Jeder fühlt mit den Eltern mit. Das sind beliebte Leute bei uns.“ Immerhin haben Hauptschullehrer Anton und Volksschullehrerin Brigitte Kührer Hunderte Pulkauer Kinder durch die Schulzeit begleitet.

Umso mehr ärgert Marihart der Bericht einer Tageszeitung, in dem von einer lokalen Suchtgiftszene mit „einigen Abgründen“ und „seltsamen Zeitgenossen“ geschrieben wird, die möglicherweise mit Julias Verschwinden zu tun hatte. In einem bitterbösen Brief, den er vorm Rathaus angeschlagen hat, klagt der Bürgermeister darüber.

„Viele stört es, dass die Jugend hineingezogen wird“
„Mag schon sein, dass es ein paar Giftler gibt, aber es stört viele Leute, dass die gesamte Jugend so hineingezogen wird. Dass es eine Pulkauer Drogenszene gibt, kann nur einem kranken Hirn entspringen“, ist Marihart wütend. Schließlich gebe es auch noch die trauernden Eltern, auf die Rücksicht genommen werden müsse.
Auch die Pulkauer Jugend selbst meldete sich via E-Mail zu Wort: „Unsachliche Berichterstattung hat unsere schöne Gemeinde ins falsche Licht gerückt“, heißt es da. Die Jugend aus Pulkau verschließe sich nicht vor den Medien, um etwas zu verheimlichen oder dem Drogen- und Alkoholmissbrauch zu frönen, „sondern weil wir alle tief geschockt und betroffen sind nach fünf langen Jahren der Suche und viele unter uns um eine geliebte Freundin trauern.“
Freitagabend versammelten sich mehr als 30 Jugendliche im Jugendheim und verfolgten eine TV-Reportage, die kurz vor Julias Auffinden anlässlich des fünften Jahrestages gedreht wurde. „Die Gesichter, die uns aus den Medien entgegenblickten, waren niemals Freunde von Julia Kührer, denn jene, die wirklich trauern, trauern im Stillen.“

Nach Fund: Frau wollte Julia in Wien gesehen haben
Geradezu grotesk ist, dass sich noch letzte Woche eine Frau am Gemeindeamt meldete, die Julia in Wien gesehen haben wollte. Da waren die sterblichen Überreste des Mädchens durch das Zahnschema bereits identifiziert. „Das Ergebnis der DNA-Analyse hat dies nun vollends bestätigt“, erklärt Helmut Greiner, Sprecher des Bundeskriminalamts.
Die akribische Tatortarbeit in Dietmannsdorf schreitet indes voran. „Die Klärung des Falles steht und fällt mit einem Sachbeweis“, so Greiner. Der nach zwei Tagen wieder enthaftete Besitzer des Anwesens, Michael K., gilt für die Staatsanwaltschaft Korneuburg immer noch als „dringend tatverdächtig“. Es wurde Beschwerde gegen die Freilassung des 49-Jährigen, der bis 2006 eine Videothek in Pulkau führte, eingelegt. Für Greiner ist das nachvollziehbar: „Er bleibt für uns Hauptverdächtiger, auch wenn natürlich Mittäter nicht ausgeschlossen werden können. Er war in der Jugendszene nicht unbekannt.“

Derzeit wird auf dem Anwesen auch nach den Knochen zweier Mischlingshunde gefahndet, die im Besitz des Verdächtigen waren. Er gab an, dass er schon in Wien wohnte, die Hunde sich aber noch auf dem Anwesen befanden und er zum Füttern hinausgekommen wäre. Irgendwann seien die Tiere gestorben und dann hätte er sie dort vergraben – wo genau, könne er sich aber nicht erinnern.