„Kinder passen in kein Modell“. Neues System in Kinder- und Jugendhilfe wird ausgerollt. Ziel ist Vereinheitlichung. Es gibt aber auch Kritik.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 30. September 2020 (05:50)
Kinder, die in sozialpädagogische Einrichtungen kommen, haben meist schon viel erlebt – etwaGewalt, Missbrauch oder Suchtinnerhalb ihrer Familien.
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Wenn ein Kind nicht mehr in der eigenen Familie aufwachsen kann, hat es meist einen langen Leidensweg hinter sich. Etwa Gewalt oder Missbrauch. Als letztes Auffangnetz gibt es für Minderjährige sozial-pädagogische Einrichtungen. Insgesamt 96 solcher Wohnheime oder -gruppen stehen in Niederösterreich zur Verfügung. Unter-18-Jährige bekommen dort Betreuung, um schließlich den Weg in ein eigenständiges Leben zu finden.

Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ): Modell soll Mitarbeiter in Einrichtungen entlasten.
SPÖ NÖ

Anfang des Jahres wurde dieser Bereich der Kinder- und Jugendhilfe neu organisiert. Eingeführt wurde ein Normkostenmodell. Um das System transparenter zu machen, sollen die Tagsätze, als wichtigste Finanzierungsquelle für die neun Jugendheime des Landes als auch für die Heime privater Träger, vereinheitlicht werden. Ebenso sollen Personal- und Gruppengrößen vereinheitlicht werden. Der Prozess laufe, sagt die zuständige Landesrätin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ). Im Laufe des Jahres erfolgt die Anpassung des Personalschlüssels, bis 2021 die der Gruppengrößen.

Betroffener fürchtet Personal-Abbau

In den vergangenen Monaten wurde aber auch Kritik laut. Vereinzelt gibt es Befürchtungen, dass das neue Modell zu Verschlechterungen führe. Das zeigt das Beispiel eines Sozialpädagogen, der sich an die NÖN wendet. Der Mann, der nicht namentlich genannt werden will, kritisiert, dass das Modell umgestellt wurde, ohne die Experten – also Sozialpädagogen, Therapeuten etc. – miteinzubeziehen. Er selbst arbeitet seit über einem Jahrzehnt in einer sozialpädagogischen Einrichtung.

Zu tun hat er es dort mit Mädchen, die sich selbst verletzen, Burschen, die ihre Betreuer mit Gegenständen bewerfen, Kindern, die mit Essstörungen kämpfen oder an Depressionen leiden. „Diese Kinder brauchen extrem viel Betreuung. Die ist zeitintensiv und erfordert gesunde, starke Persönlichkeiten“, sagt der Niederösterreicher. Weil es aus seiner Sicht an Personal fehle und daher regelmäßig Überstunden geleistet werden müssen, können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese Betreuung nicht mehr gewährleisten. „Daran geht einer nach dem anderen kaputt“, sagt der Sozialpädagoge, der seinen Job als Schwerstarbeit sieht. Die Situation habe sich in den vergangenen Monaten weiter verschlechtert – auch durch das Normkostenmodell, wie er meint.

Während der Sozialpädagoge und die Grünen darin eine Sparmaßnahme sehen und fürchten, dass gut ausgebildete Sozialpädagogen durch weniger qualifiziertes Personal ersetzt werden sollen, betont die SPÖ-Landesrätin, dass das Modell Vorteile bringe: Pro sozialpädagogischer Gruppe sollen statt wie bisher 3,5 Vollzeitäquivalente sechs vorgesehen sein. Außerdem sollen für besonders betreuungsintensive Kinder zusätzliche Kleingruppen geschaffen werden.

Silvia Moser (Grüne): Bei dem Modell sind mehr individuelle Anpassungen nötig.
C. Dusek

Die Grünen drängen auf individuellere Lösungen – orientiert an den Bedürfnissen der Kinder. „Kinder passen nicht in ein Modell, man kann sie nicht hineinpressen“, sagt Sozialsprecherin Silvia Moser. Sie fordert zudem, dass die Finanzierung sichergestellt werden müsse: „Es gibt zu wenig Plätze für Kinder mit Problemen, da kann man nicht auch noch sparen.“

Weniger budgetiert wurde für Kinder- und Jugendhilfe im Vergleich zu 2019 aus aktueller Sicht aber nicht: Im Vorjahr hat das Land 103,5 Millionen Euro ausgegeben, heuer sind 107 Millionen budgetiert. „Die endgültigen Beträge stehen nach Beschluss des Nachtragsbudgets fest“, so die Landesrätin.

Andere Einrichtungen beurteilen Modell gut

Bei der Arbeiterkammer NÖ gingen bisher keine Beschwerden über die Arbeitsbedingungen in sozialpädagogischen Einrichtungen ein. Andere Betreiber haben sogar positive Erfahrungen mit dem neuen Modell gemacht.

Kolping Österreich, mit zwei sozialpädagogischen Wohngruppen in Mistelbach und Wiener Neustadt, berichtet etwa, dass dadurch eine leichte Aufstockung der Mitarbeiterzahl möglich war. Die Gruppengröße habe sich von zehn auf neun Kinder reduziert, die der Betreuer blieb gleich. „Dadurch erhöht sich die individuelle Zeit in der Einzelbetreuung“, sagt Marion Praschberger, Leiterin des Kolping-Frauen- und Sozialreferats.