Hendldiebe & Mörder. Justizanstalt Wiener Neustadt |  141 Untersuchungshäftlinge warten in Wiener Neustadt auf ihre Gerichtsverhandlung oder die Rechtskraft ihres Urteils. Teresa Heigert ist Anstaltsleiterin.

Erstellt am 24. November 2013 (19:32)
NOEN, Foto: Wohlmann
Oberst Teresa Heigert (r.) und Manuela Wagner, Abteilungskommandantin der Frauenabteilung, sind stolz auf das Kochbuch, das Insassinnen verschiedenster Nationen und Glaubensgemeinschaften friedvoll gemeinsam erstellt haben. Es wird in der Justizanstalt verkauft.
Von Gila Wohlmann

19 Nationen. Zehn Religionen. Derzeit 241 Personen, davon 90 Österreicher, 19 Frauen und zehn Jugendliche – alle unter einem Dach. Hinter Gittern. In der Justizanstalt Wiener Neustadt. An der Spitze als Anstaltsleiterin: Oberst Teresa Heigert, 53 Jahre, gebürtige Polin – die einzige uniformierte Anstaltsleiterin Österreichs, da sie die Offizierslaufbahn gewählt hat.

 „Zu uns kommen in U-Haft alle – vom Hendldieb bis mutmaßlichen Mörder – und für alle gilt vorerst die Unschuldsvermutung“, sagt Heigert. Sie führt das Gefangenenhaus seit 2008. Seither hat sich viel verändert. Blumen lassen die schlichten Gänge wohnlicher erscheinen, Bilder bringen Farbe in den Alltag. Nicht „bloß Einsperren“, sondern Inte- und  Re-Integration von straffällig Gewordenen steht für Heigert im Vordergrund: „Nur mit Einsperren kann man niemanden auf die Freiheit vorbereiten.“

NOEN, Foto: Wohlmann
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Jeden Mittwoch ist Zugangsgespräch. Dann spricht sie mit den frisch Inhaftierten, versucht, sich ein Bild von ihnen zu machen. Möglichst objektiv. „Ich sehe die Paragraphen, die der Person angelastet werden, aber in diesem Moment sind für mich die Details nicht vorrangig.“  Die Arbeit der Justizwachebeamten ist hierbei genauso wichtig wie die Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern, Ärzten und Psychologinnen.
Untersuchungshaft bedeutet:  Angst, Verunsicherung, Ungewissheit. Warten auf die Verhandlung. 284 Menschen sitzen derzeit in NÖ in U-Haft, 141 davon in Wiener Neustadt. In ganz Österreich gibt es derzeit 9.006 U-Häftlinge, 564 davon sind Frauen. Ihr Anteil hat sich laut Vollzugsdirektor Peter Prechtl in den vergangenen vier bis fünf Jahren fast verdoppelt.

U-Häftlinge reagieren unterschiedlich. „Vor allem sprachliche Barrieren stellen uns vor große Herausforderungen“, weiß Heigert. Auch zeigen viele Inhaftierte schwere Traumatisierungen: „Wenn ein nikotinsüchtiger Insasse keine Zigarette hat, kann das zu Borderlinesyndrom-Anzeichen führen.“

„Viele Emotionen treffen aufeinander“

Bei groben psychischen Auffälligkeiten, Drogenabhängigkeit, Alkoholsucht  oder sexueller Abnormität ist die Überstellung in ein psychiatrisches Krankenhaus von Nöten.  Die Zeit der U-Haft soll so kurz wie möglich sein, durchschnittlich dauert sie sechs Monate, abhängig von Anmeldung von Nichtigkeit oder Berufung. Traktkommandant der U-Haftabteilung ist Gerhard Drnec. Er weiß: „Die U-Haft ist sicher die herausforderndste Abteilung, weil viele Emotionen aufeinander treffen.“ U-Häftlinge sind nicht zur Arbeit verpflichtet, Strafgefangene können indes eine Schnupperlehre machen.   Musik und Sport sind unter Aufsicht zu vorgegebenen Zeiten erlaubt. Deutsch kann man lernen. Voraussetzung: dementsprechendes Verhalten. Einschlusszeit ist um 14.30 Uhr. Zu früh, wie Heigert meint.

Zahlen & Fakten zum Gefängnis
Die Justizanstalt Wiener Neustadt ist ein gerichtliches Gefangenenhaus, was bedeutet, dass Untersuchungshäftlinge angehalten werden, aber auch Männer wie Frauen mit einer Strafhaft bis maximal 18 Monate hier ihre Strafe absitzen. 211 Haftplätze bietet die Justizanstalt Wiener Neustadt, sechzehn davon stehen den Freigängern und 82 Plätze dem Wohngruppenvollzug zur Verfügung.