Jugendliche in der Krise: Alleine gelassen in psychischer Not

Jedes fünfte Mädchen und jeder sechste Bub denken an Selbstmord. Hilfe zu finden ist schwierig – wie auch die Familie von Luise aus dem Bezirk Lilienfeld erfahren musste.

Erstellt am 23. Dezember 2021 | 05:44
Lesezeit: 4 Min
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Depressive Symptome, Angst und Schlafstörungen machen Luise –und vielen anderen Jugendlichen – in der Corona-Pandemie zu schaffen.
Foto: Symbolbild: Shutterstock.com/ESB Professional

Die 15-jährige Luise sitzt auf ihrem Bett und starrt an die Decke. Heute ist kein guter Tag. Seit der Nacht quälen sie negative Gedanken. Daran,das Haus im Bezirk Lilienfeld zu verlassen, und nach St. Pölten zur Schule zu fahren, ist gar nicht zu denken. Luise kämpft mit Depressionen. Begonnen haben die im April 2020. „Das erste Lockdown-Monat war noch aufregend. Dann haben wir Probleme bemerkt. Mit jedem Lockdown ist es schlimmer geworden“, erzählt Renate*, die Mutter der damals 14-Jährigen.

Dass das kein Einzelfall ist, zeigt das Ergebnis einer Studie der Donau-Uni Krems, bei der 1.500 14- bis 20-Jährige untersucht wurden. Bei 62 Prozent der Mädchen und 38 Prozent der Burschen zeigte sich zumindest eine mittelgradige depressive Symptomatik. Jedes fünfte Mädchen und fast jeder sechste Bub litten unter wiederkehrenden suizidalen Gedanken. Sie dachten also an mehr als der Hälfte der Tage an Selbstmord.

Wie stark sich die Situation in der Pandemie verschlimmert hat, berichten diverse Experten. Eine davon ist Psychotherapeutin Heidelinde Weinkirn-Frohner. Sie beobachtet, dass Jugendlichen Leistungsdruck, Zukunftsängste und das Gefühl, nicht zu wissen, wie es weitergeht, zu schaffen machen. Hinzu kommt, dass ihnen der Kontakt zu Gleichaltrigen fehlt. Bei starken negativen Gedanken, Gewichtsabnahme, häufigen Kopf- oder Bauchschmerzen sowie längeren Schlafstörungen sollten Familien Hilfe aufsuchen, rät die Therapeutin.

Therapie ist oft selbst zu bezahlen

Die zu bekommen ist jedoch alles andere als leicht – wie Luises Familie erfahren musste: „Wir haben im Jänner 2021 bemerkt, dass unsere Tochter Medikamente braucht.“ Eine Therapeutin hatte die Familie zu diesem Zeitpunkt bereits gefunden. Damit hatte das Mädchen einen Teil des ambulanten Hilfsangebots, das aus Therapeuten, Psychologen und Psychiatern besteht, bereits in Anspruch genommen. Bei Psychotherapeuten ist die Auswahl mit 200 auf Kinder und Jugendliche spezialisierten grundsätzlich gegeben. Maria Werni, Vorsitzende des Landesverbands für Psychotherapie, berichtet jedoch, dass viele ihrer Kollegen Tag und Nacht arbeiten würden. „Sie verlangen aber 90 bis 120 Euro pro Stunde, während die Kasse nur knapp 60 bezahlt.“ Das führt dazu, dass Therapie oft aus eigener Tasche zu finanzieren ist.

Wir wurden herumgeschickt. Eine Anlaufstelle mit Informationen über Hilfsangebote fehlte uns.“ MUTTER AUS LILIENFELD

Christian Wanner, Psychiater in Krems, weiß, dass das für viele Familien nicht bezahlbar ist. Häufig haben auch Eltern psychische Probleme. Nicht alle können – wie Luises – mehrere hundert Euro monatlicher Therapiekosten stemmen.

Nur neun Kassen-Psychiater für Kinder im Land NÖ

Gleichzeitig sind in Wanners Berufsgruppe die Plätze rar. In NÖ gibt es nur neun niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater mit Kassenstellen. „Da wartet man sechs Monate auf einen Termin“, erzählt Renate. Der Facharzt nennt Wartezeiten von zwei bis vier Monaten. Eine ähnliche Erfahrung machten Renate und ihre Tochter im stationären Bereich – der zweiten Schiene des Hilfsangebots. Ein Landesrechnungshofbericht vom Jänner 2020 legt dar, dass Wartezeiten bei geplanten Aufenthalten schon vor der Pandemie bei sechs Monaten lagen und Personal fehlte.

Bei der Landesgesundheitsagentur (LGA) betont man, dass jedes Kind bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung stationär aufgenommen werde. „In unserem Fall kam das viel zu spät“, erzählt Renate, „Meine Tochter musste einen Suizid-Versuch verüben, bis sie einen Platz in einer Klinik bekam. Wir wurden herumgeschickt. Eine Anlaufstelle mit Infos über Hilfsangebote fehlte. Ich fühlte mich mit meinem schwerkranken Kind alleine gelassen.“

Ausbaupläne bei ÖGK und in zwei Kliniken

Dass die Hilfsmaßnahmen nicht reichen, betonen auch die Forscher der Donau-Uni: „Die Studie ist ein Appell, sofort mehr für die psychische Gesundheit Jugendlicher zu tun.“ Verbesserungen werden von ÖGK und LGA in Aussicht gestellt. So sollen in Tulln weitere Plätze in der Jugendpsychiatrie entstehen. In Wiener Neustadt steht die Eröffnung einer tagesklinischen Gruppe für Sechs- bis 13-Jährige bevor. Für weitere Maßnahmen fehle es laut LGA an psychiatrischen Fachärzten. Für Psychotherapie will die ÖGK die Kassenkapazitäten 2022 erweitern. Zudem wird das Schulpsychologie-Angebot laut Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister aufgestockt.

Bei Luise sind schlechte Tage wie heute immer noch keine Seltenheit. Obwohl sie drei Spitalsmonate hinter sich hat. „Ich habe meinen Job gekündigt, um mein Kind zu betreuen“, erzählt Renate. Denn auch mit dem Klinikaufenthalt hat sie erst ein Stück des Weges raus aus den Depressionen geschafft. *Namen geändert