Peter Machowetz: „Es ist nie nur ein Auslöser“. Peter Machowetz, Oberarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tulln.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 30. Juli 2019 (02:30)
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Peter Machowetz,Oberarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tulln.

Gibt es bei Kindern nicht eine Barriere, ihre Eltern zu töten?

Peter Machowetz: Es besteht eine natürliche Hemmung zu töten, insbesondere gegenüber jenen, denen man sich zugehörig fühlt. Andererseits finden in Österreich die meisten Tötungsdelikte im engen Familienkreis statt. Eine solche Tat hat nie nur einen Auslöser und schon gar nicht eine Ursache; es sind viele Ereignisse vorangegangen. Das kann eine Kette von traumatisierenden Erlebnissen, beginnend in den ersten Lebensjahren sein.

Welche Traumen führen zu derartig dramatischen Reaktionen?

Machowetz: Solche Erlebnisse sind oft nicht mehr erinnerlich, können aber durch Situationen, in denen sich die Person ähnlich ohnmächtig oder bedroht fühlt, reaktiviert werden. Aggression und Angst haben eine ähnliche Repräsentation im Gehirn. Der Betroffene kann sich in einem dissoziiertem Zustand befinden, in dem sich frühere traumatische Erlebnisse mit dem gegenwärtigen vermischen .

Gibt es eine genetische Vorbelastung, die Menschen zum Gewalttäter werden lässt?

Machowetz: Eine genetische Vorbelastung als Ursache für solche Taten zu nennen, wäre eine medizinisch höchst gefährliche wie fehlerhafte Ansage, die heute als folgenschwere Fehleinschätzung der Psychiatrie des letzten Jahrhunderts gesehen wird. Das persönliche Temperament, die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren oder mit Stress umzugehen, haben eine genetische Komponente. Es gibt aber keine genetische Veranlagung zum Straftäter. Nicht jeder impulsive Charakter ist zu solch dramatischen Tathandlungen fähig.