Denkmalpflege: Wertvolles langfristig erhalten

Erstellt am 17. Oktober 2020 | 03:12
Lesezeit: 6 Min
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
440_0008_6818138_noe06immo_perger3sp.jpg
Das Wissen um alte Techniken und Materialien zu vermitteln, ist Josef Perger ein großes Anliegen.
Foto: Laetitia Perger
Josef Perger ist Lehrgangsleiter des Masterstudiums „Konzeptuelle Denkmalpflege“ an der Donau-Universität Krems. Im NÖN-Interview erzählt er von historischen Materialien und welche Bedeutung Einfühlvermögen in der Denkmalpflege hat.
Werbung

NÖN: Seit 2013 sind Sie Leiter des Masterstudiengangs Konzeptuelle Denkmalpflege. Was waren die Ideen hinter der Ausarbeitung dieser Ausbildung?

Josef Perger: Der Grundgedanke war, dass wir auf der einen Seite technisch hoch entwickelte Handwerke haben und der anderen Seite viel Baubestand aus einer anderen Zeit. Bei der Arbeit an wertvollen Bauten treffen oft zwei Welten aufeinander, die überkommene Materialwelt und die Möglichkeiten neuer Techniken. Diese neuen Techniken sind gut, aber begrenzt anwendbar, denn sie treffen auf Strukturen, die häufig aus einer anderen Logik heraus entstanden sind. Diese zwei Welten sind zwar vereinbar, aber wenn das Ergebnis hochqualitativ sein und Bestand haben soll, dann braucht es Wissen. Und das lernt man im Masterstudiengang.

Welche Kompetenzen werden noch vermittelt?

Perger: Wir vermitteln die Kompetenz, genau zu beschreiben, was da ist. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch auf Materialien bezogen. Sehr wichtig ist uns auch, dass unsere Absolventen den Kontext berücksichtigen können. Das tun und können viele Handwerker nicht. Wir wollen, dass sie den Blick weiten und gleichzeitig schärfen. Wir sind überzeugt, dass Handwerker sehr intelligente Menschen sind, deren Wahrnehmung man in diese Richtung lenken kann. Sie werden vorsichtiger bei alten Materialien sein und sie werden übliche Vorgehensweisen überdenken und neu kalkulieren können.

Was ist die Zielgruppe, an die sich der Studiengang richtet, und welche beruflichen Chancen gibt es nach Abschluss?

Perger: Für viele Teilnehmer ist es eine ergänzende Ausbildung, etwa für Architekten. Für Handwerker eine Ergänzung ihrer Praxis. Es gibt kein konkretes Berufsbild, für das der Master die Basis ist. Wir haben viele Absolventen, und wenn man sich deren berufliche Entfaltung nach dem Studium anschaut, dann ist das äußerst divers. Nicht wenige haben in der Projektvorbereitung ihren Platz gefunden und sind involviert in den Planungsprozess, damit der Bauherr weiß, was man anstreben könnte. Das ist ein Berufsbild, das sich immer mehr herausbildet. Dann gibt es eine Reihe von Handwerkern, die überall dort ihren Job finden, wo man Angst hat, dass die herkömmlichen und heutigen 08/15-Methoden zu grob sind. In beiden Fällen ist es wichtig, immer wieder mit allen Beteiligten das Gespräch zu suchen, und noch essenzieller ist es, mit einer besonderen Feinfühligkeit vorzugehen. Man muss sich fragen, was will man erreichen, wie kann man den Bestand schonen und gleichzeitig das Anliegen des Bauherrn zu vollster Zufriedenheit durchführen. Dieser Gedankengang betrifft alle am Projekt Beteiligten, also auch alle Handwerker wie Polsterer und Maler, Schreiner und Maurer und viele andere, so unterschiedlich deren Gewerke auch sein mögen. Man kann ja schließlich auch heute noch eine Steinplatte ohne Problem so verlegen, wie das damals gemacht wurde, in Sand verlegt, ohne einen Kleber zu verwenden. Man kann auf diesem Weg Steinplatten so verlegen, dass sie bei Änderungen auch in der nächsten Genera tion wieder, ohne Schaden genommen zu haben, neu verlegt werden können.

Im ersten Semester widmen sich die Studierenden intensiv der Flächenkunst. Was versteht man darunter?

Perger: Flächenkunst ist ein sehr offener Begriff. Es geht grundsätzlich um die Aufteilung von Flächen. Das erleben wir bei einer Schreinerei zum Beispiel. Etwa bei Türfüllungen, deren flächiges Verhältnis zueinander aufgeteilt werden muss. Nicht immer nur nach dem Goldenen Schnitt, aber sehr oft nahe an ihm. Manchmal abweichend. Flächenkunst haben wir in der Weberei, in textilen Gestaltungen, bei Steinböden, offenen Holzböden, als farbige Wandgestaltung. Es geht darum, wie man eine vorgegebene Fläche optimalerweise aufteilen kann, um ein stimmiges Bild zu erhalten und den Raum zu stärken in seiner Eigenart und seiner Nutzung. Das Gelungene kann man natürlich am Ergebnis sehen, besser aber ist es, wenn man es voraussehen kann. Dafür gibt es Daumenregeln, aber sie müssen immer an den konkreten Fall angepasst werden, und es gibt da auch eine gewisse Freiheit innerhalb von guten Lösungsmöglichkeiten. Deshalb ist die Flächenkunst auch eine Kunst und bildet das Grundlegende, nicht zuletzt deshalb steht sie am Anfang der Ausbildung.

Ein Gespür für die verschiedenen möglichen Materialien der historischen Bausubstanz zu bekommen, ist ein wichtiger Teil des Studiengangs. Wie wird dieses Wissen den Studierenden nähergebracht?

Perger: Um ein aktuelles Beispiel aus dem Studiengang zu nennen: In einem Workshop Stein zu bearbeiten ist eine sehr mutige Sache, eine Sache, die gewöhnlich viel Arbeit und Aufwand benötigt, besonders bei Granit und Marmor. Leichter ist es, im Bereich der weicheren Steine zu arbeiten. Tuffstein ist

ein traditioneller Baustoff, der sehr weich und gut bearbeitbar ist. In einer Woche kann man dem Stein auch eine anspruchsvolle Form geben. Das wird in unseren Workshops auch gemacht und bringt ein Gefühl für diesen Stein und lässt für andere ein solches erahnen. Das Studium dauert fünf Semester, in der Zeit können wir aus den Studenten keine Steinmetze, Kunstglaser oder Schmiedekünstler machen. Aber mit elementaren Techniken sehr wohl eine gewisse Sicherheit vermitteln, was diese Materialien können und was nicht. Das entspricht ja auch dem Horizont der Handwerker früherer Zeit.

Wie vertragen sich historische Techniken mit denen der heutigen Zeit?

Perger: In Bezug auf ein dauerhaftes und ästhetisch anspruchsvolles Endergebnis sind sie oft nicht kompatibel. Bei Isolierungen ist das der Fall und in einzelnen Fällen bei Klebern und bei verschiedensten Formen der Materialergänzung ist es so, dass man auf längere Sicht besser nichts Fremdes hinzufügt. Das Einschätzen im Einzelfall ist jedoch immer eine wichtige Sache, und dafür muss man zuerst verstehen, welche Eigenheiten die historischen Materialien haben. Welche Eigenheiten haben neue Materialien, welche darf ich einbringen, welche nicht? Wie verträgt sich das Ganze ästhetisch? Wenn neue Funktionen gewollt sind, zum Beispiel ein barrierefreier Zugang, wird dies zweifellos das Aussehen des Bestands verändern. Wir versuchen, Handwerker dahingehend auszubilden, dass sie sich ganz genau anschauen, was sie vor Ort haben. Der Titel des Studiums „Konzeptuelle Denkmalpflege“ weist darauf hin, dass im besten Fall eine genau durchdachte Vorgehensweise gemeinsam von Handwerkern und Planern entwickelt werden soll, damit der Bestand auch Bestand hat.

Artikel aus dem Journal "Bauen, Wohnen, Energiesparen" .