Jüdisches Leben in der Buckligen Welt. Bis 1938 lebten in fast jedem Ort der Region Juden, ein Buch erzählt ihre Geschichte.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 26. November 2019 (09:42)
Buchpräsentation im Jüdischen Museum in Wien: die Herausgeber Gert Dressel (l.), Werner Sulzgruber und Johann Hagenhofer (3. u. 4. v.l.), Verleger Robert Ivancich (2. v. l.), Museums-Chefkuratorin Astrid Peterle und Friedrich Trimmel, Obmann „Verein Bucklige Welt“ und der „LEADER-Region Bucklige Welt – Wechselland“.
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„Nichts erinnert mehr an uns, so, als ob es uns nie gegeben hätte.“ Das sagte Kurt Winkler dem Historiker Johann Hagenhofer, als der ihn für die Recherche zum Buch „Jüdisches Leben in der Region Bucklige Welt“ im Jahr 2010 in Israel besuchte. Winkler und seine Familie waren 1938 aus Hochwolkersdorf vertrieben worden.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts durften sich die Juden, die vor allem aus Westungarn eingewandert waren, in der Region ansiedeln. Viele von ihnen wurden erfolgreiche Geschäftsleute. Bildung war ihnen wichtig, daher wurden die Kinder oft ins Gymnasium nach Wiener Neustadt oder zum Studieren nach Wien geschickt, erzählt Werner Sulzgruber, wissenschaftlicher Leiter des Buchprojektes.

Gemeinden unterstützten bei Recherche

Sulzgruber befasst sich seit den 90er-Jahren mit jüdischer Geschichte und betont, dass die Gemeinden der Buckligen Welt die Recherche zum Buch sehr unterstützt haben. Die Spuren von rund 400 Menschen jüdischen Glaubens wurden entdeckt, etwa 130 waren im Jahr 1938 in der Region sesshaft. 60 von ihnen landeten in Konzen-trationslagern, andere flohen, von rund einem Dutzend ist das Schicksal unbekannt.

Im Großen und Ganzen waren die Juden in der Region anerkannt: „Der Dorfjud“ war bis zur Machtübernahme der Nazis kein Schimpfwort, zu ihm ging man Einkaufen oder lieh sich einen Kredit. Aus Kirchberg am Wechsel etwa weiß man, dass die Männer der jüdischen Familie Daniel bei der Feuerwehr waren: Ein eindeutiges Zeichen ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz, sagt Gert Dressel, der für das Buch Zeitzeugen interviewt hat.

Fast alle der 21 Autoren des Buches kommen aus der Region. „Die Geschichten werden dann hörbarer, als hätte sie jemand von der Universität Wien geschrieben“, sagt Dressel – der als einziger der Autoren einen universitären Hintergrund hat.

Übrigens: Die Familie des eingangs zitierten Kurt Winkler war im April bei einem Treffen mit der Ortsbevölkerung in Hochwolkersdorf. 30 Leute hatte man dazu erwartet. Es kamen 200.

Seit 2012 gibt es auch eine Gedenktafel zur Erinnerung an die jüdischen Mitbürger im Ort.

Zum Buch:

„Eine versunkene Welt. Jüdisches Leben in der Region Bucklige Welt – Wechselland“, Kral Verlag, ISBN 978-3-99024-797-6