Gefängnis der Kranken. 137 geistig abnorme Rechtsbrecher werden im Bezirk Hollabrunn betreut. Ein Lokalaugenschein. Sie sind die unheimlichsten unter den Straftätern, weil man ihnen alles zutraut, sie oft schlichtweg für wahnsinnig hält.

Von Gila Wohlmann und Eva Hinterer. Erstellt am 15. Dezember 2014 (05:43)
NOEN, Wohlmann
Karin Gruber (r.) und Heilpädagogin Monika Müllner in einer Anstaltswerkstatt. Hier basteln die Patienten für Weihnachtsmärkte.

Nach Gerichtsurteilen verschwinden sie als „geistig abnorme Rechtsbrecher“ hinter Gittern. Im Jargon werden diese Menschen „Einundzwanzigeinser“ genannt: Nach Paragraph 21/1 des Strafgesetzbuches für Personen, die im Zustand der geistigen Zurechnungsunfähigkeit eine Straftat begangen haben.

Rund ein Drittel der in Österreich solcherart Verurteilten ist in der Justizanstalt Göllersdorf im Bezirk Hollabrunn untergebracht. 137 Menschen. „Patienten“, wie Anstaltsleiterin Karin Gruber sie nennt. Die studierte Psychologin ist seit elf Jahren Chefin in Göllersdorf, seit 21 Jahren im Haus. Und eigentlich, sagt sie, ist es genau das, was sie schon seit dem Studium wollte: Sich um Randgruppen kümmern. „Unsere Patienten sind straffällig und krank, in unserer Gesellschaft muss man aber jung und gesund sein. Unsere Patienten haben keine Lobby. Diese Menschen unterstützen wir hier.“ Die meisten Patienten in Göllersdorf leiden an Schizophrenie und zum überwiegenden Teil haben sie Gewaltdelikte begangen: Tötung, Körperverletzung, Nötigung, Drohung.

„Sie müssen begreifen, warum sie hier sind“ 

Es geht aber auch harmlos: Gruber erzählt von einem Patienten, der nach einer schweren Schädelverletzung mit Gehirnaustritt nicht mehr in der Lage war, zwischen „Mein und Dein“ zu unterscheiden. „Er konnte es einfach nicht mehr, wurde immer wieder straffällig, deshalb war er hier.“

In Göllersdorf werden diese Menschen intensivst betreut. Nach der Einweisung kommen sie, je nach Zustand, für ein bis drei Wochen auf die Akutstation. Hier werden Diagnosen erstellt, es gibt tägliche Ärztevisiten. Im Gegensatz zu anderen Justizanstalten ist in Göllersdorf ständig ein Psychiater im Haus, auch nachts. Nach der Zeit auf der Akutstation wechseln die Patienten in Wohnstationen, in denen zwischen 20 und 22 Menschen leben. Jeden Tag außer am Wochenende gibt es verschiedenste Therapien.

„Das A und O ist, dass die Leute über einen längeren Zeitraum behandelt werden, um auch zu begreifen, warum sie hier sind“, sagt Gruber. Zwischen fünf und zwanzig Jahre bleiben die Patienten hier. Entlassen werden sie aus Göllersdorf grundsätzlich nur bedingt: Das heißt, sie leben anschließend für mindestens fünf Jahre in betreuten Wohneinrichtungen, müssen Therapien fortsetzen und Medikamente nehmen. Bei Menschen, die getötet oder schwere Gewaltdelikte begangen haben, verlängert sich die Nachbetreuungszeit auf zehn Jahre.

„Die Gruppe ist  immer sicher“

Ein Patient, der wohl für immer bleiben wird, ist ein dauerpsychotischer Vietnamese. Wahrscheinlich kann er seine Flucht als „Boatpeople“ in den 70er-Jahren nicht verarbeiten, sagt Gruber. Göllersdorf ist sein Zuhause.

Ob Gruber manchmal Angst hat? „Nein“, lächelt sie, „da hätte ich den falschen Job.“ Aufmerksam müsse man natürlich sein. Wenn eine Betreuungsperson mit mehreren Patienten alleine ist, ist das gefährlich? Gruber schüttelt den Kopf: „Die Gruppe ist immer sicher, es gibt immer einen, der dem Betreuer hilft.“

Der Kontakt zur Familie ist für viele Patienten sehr wichtig. Daher gibt es in Göllersdorf mehr Besuchszeiten als in anderen Justizanstalten. Und auch Weihnachtsfeiern. Wer niemanden hat, feiert mit den Betreuern. Und einen Weihnachtsbaum gibt es auf jeder Station.