Wenn der Häfenkollaps droht.... Angefeindet, beschimpft, unterbesetzt. Die tägliche Arbeit in Gefängnissen wird belastender.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 12. September 2017 (03:00)
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Die Insassen in den heimischen Justizanstalten werden schwieriger. Psychische Auffälligkeiten der Inhaftierten steigen an – eine Herausforderung für das Justizwachepersonal.

Ein Insasse bespuckt einen Justizwachebeamten. Harsche Verbalattacken gegen den Beamten folgen. Plötzlich beginnt der Insasse, sich selbst zu verletzen. Die Justizwacheeinheit muss einschreiten, um die Person vor sich selbst zu schützen, im Gemenge kommt dabei ein Beamter selbst zu Schaden.

Szenarien wie diese sind kein Ausschnitt aus einer US-Law-and-Order-Fernsehserie, sondern eine Momentaufnahme dessen, was sich aktuell in heimischen Justizanstalten abspielt. „Früher gab es zum Teil sozusagen einen Ehrenkodex unter den Insassen, auch dem Justizpersonal gegenüber. Das hat sich in den letzten Jahren durch die veränderte Belegschaft sehr verändert. Ausdrücke, wie ,Ich f*... deine Mutter und deine Tochter’ sind da an der Tagesordnung“, weiß Albin Simma, Bundesvorsitzender der Justizwachegewerkschaft. Immer mehr Insassen leiden unter psychischen Erkrankungen. Viele Nationalitäten, unterschiedliche Kulturen und Insassen mit stark divergierenden Haftgründen – von nicht bezahlten Alimenten bis hin zum Raubmord – unter einem Dach zu verwahren: All das erzeugt enorme Spannung. „Man darf nie vergessen, dass die Personen, die bei uns verwahrt werden, ja nicht freiwillig da sind“, sagt Wolfgang Turner, Leiter der Justizanstalt Korneuburg.

„Man darf nie vergessen, dass die Personen, die bei uns verwahrt werden, ja nicht freiwillig da sind.“ Wolfgang Turner, Leiter der Justizanstalt Korneuburg

Diese Herausforderungen für die derzeit 1.026 Justizwachebediensteten in Niederösterreich (bundesweit sind es 3.110) führen zu Stress. „Die Krankenstandsmeldungen nehmen zu“, erzählt Gewerkschafter Simma. Bundesweit haben heuer bereits sechs Beamte gekündigt. „Außerdem gab es 2017 schon vier Selbstmorde unter Kollegen“, merkt Simma an. Dass die Freitod-Fälle auf die hohen Belastungen zurückzuführen sind, kann er zwar nicht belegen, ist aber überzeugt, „dass dies mitspielt“. Manche Beamte würden sich hilflos fühlen, wenn mitunter Sanktionen des Personals gegen Insassen von der Anstaltsleitung zu wenig mitgetragen werden.

„Wenn ein Insasse zum Beispiel aufgrund seines aggressiven Verhaltens abgesondert wird und dann auf Anweisung der Vorgesetzten wieder in den normalen Strafvollzug kommt“, nennt er ein Beispiel. Auch manche Vorschläge der Volksanwaltschaft bezeichnet er als „unmöglich“. Die Volksanwaltschaft fordert Namensschilder auf der Dienstbekleidung, „das empfinde ich mehr als fragwürdig, wenn die Drohungen der Insassen bis in den familiären Bereich der Beamten reichen“, sagt Simma. Zusätzlich fordere der Personalmangel dem einzelnen mehr Leistung ab.

privat
Albin Simma ist Bundesvorsitzender der Justizwachegewerkschaft.

Eine weitere Herausforderung, die nicht zu unterschätzen ist, nennt indes Anstaltsleiter Turner: „Das Eingesperrtsein. Man ist ja auch als Bediensteter hinter Gittern. Das hält nicht jeder auf Dauer aus.“

Die Justiz hat schon reagiert: Von Supervision über Seminare bis hin zu Schulungen gibt es mittlerweile viele spezielle Angebote für Beamte, damit sie keinen ,Häfen-Kollaps’ erleiden.