Kampusch - Startschuss für Cold Case-Überprüfung. Seit heute, Freitag, beschäftigen sich eigens dafür abgestellte Spezialisten damit, die Ungereimtheiten und Ermittlungspannen in der Causa erneut zu überprüfen. Den Ermittlern wird - wie es aus dem Innenministerium hieß - völlige Akteneinsicht gewährt werden.

Erstellt am 13. Juli 2012 (12:10)
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Dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, auf dessen Empfehlung der Fall nun neu aufgerollt wird, wurden bestimmte Akte - wie etwa die erste Einvernahme von Natascha Kampusch - nicht übermittelt.

Die neue Mannschaft besteht aus einer 14 Mann starken operativen Gruppe und einem siebenköpfigen Lenkungsausschuss, der bei entscheidenden neuen Ermittlungsergebnissen hinzugezogen wird. Dem Ausschuss werden auch Spezialisten aus dem Ausland - wie etwa Beamte des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA) und des FBI - angehören. Bei den Ermittlern aus Österreich wurde darauf geachtet, dass die Person zwar die entsprechende Kompetenz aufweist, aber noch niemals in den Fall Kampusch eingebunden war.

Auflagen für die Ermittler gibt es nicht, als grober Zeitrahmen sollen die Arbeiten aber bis Ende 2012 abgeschlossen sein. Falls es bereits früher zu entsprechenden Ermittlungsergebnissen kommen sollte, wird umgehend Anzeige bei der Staatsanwalt eingebracht. Zwischenberichte gibt es nicht bzw. werden diese nicht medial kommuniziert.

Das neuerliche Aufrollen des Falles heißt keineswegs, dass die offenen Fragen restlos geklärt werden können. Es ist auch möglich, dass die Ermittlungen erneut zum dem Ergebnis kommen, dass es zwar dubiose Personen und Widersprüche in der Causa gibt, aber diese für ein neuerliches Verfahren nicht ausreichen. Jedenfalls erhofft man sich im Innenministerium aber neue Herangehensweisen beim "Cold Case Management".

Bis heute gilt Wolfgang Priklopil als alleiniger Entführer von Natascha Kampusch. Dennoch begleiteten die Causa von Anfang an Fragen, die niemals völlig geklärt werden konnten. Folgend eine Übersicht über die wichtigsten strittigen Punkten.

 Kampusch hat bei ihren Einvernahmen stets von einem Täter gesprochen. Dem entgegen steht eine Zeugenaussage einer im Jahr 1998 zwölf Jahre alten Schülerin, die gesehen haben will, dass Kampusch von zwei Person gekidnappt wurde: Während ein Mann Kampusch ins Auto zerrte, saß ein zweiter hinter dem Steuer.

Eine Beamtin hielt in einer Aktennotiz fest, Kampusch habe nach ihrer Selbstbefreiung auf die Frage nach Mittätern geantwortet, sie könne "keine Namen nennen".

 Nach der Entführung fuhr Priklopil nicht unmittelbar zu seinem Haus mit dem Verlies, sondern zu einem einem Waldstück. Dort telefonierte er und erklärte dann, dass "die anderen" nicht kommen würden.

 Warum erfolgte die Entführung am 2. März 1998, obwohl zu diesem Zeitpunkt das "Verlies" noch nicht fertiggestellt war?

 Dubios ist auch die Rolle des ehemals besten Freund von Priklopil, Ernst H., der im Zuge der Ermittlungen seine Aussagen grundlegend geändert hat. Anfangs hatte er behauptet, nichts von der Entführung gewusst zu haben. Am Tage der Selbstbefreiung von Kampusch habe Priklopil ihn gebeten, ihn vom Donauzentrum abzuholen, da er in angetrunkenem Zustand einer Polizeikontrolle davon gerast sei. Als später die Polizei bei ihrer Suche nach Priklopil zu der Veranstaltungshalle von H. gekommen ist, hatte dieser auf die Frage, wo Priklopil sein könnte, mit dem bemerkenswerten Satz "Hat er se umgebracht?" geantwortet. Später änderte H. seine Aussage dahingehend, dass der Entführer im Auto eine umfassende Lebensbeichte abgelegt hatte, wodurch auch etwaiges Insiderwissen erklärbar ist.

 Fraglich war auch eine Geldüberweisung von 500.000 Schilling (rund 36.300 Euro) von H. an Priklopil rund um den Zeitpunkt der Entführung. Nachdem die ursprüngliche Version, dass H. seinem Freund das Geld für ein Auto geliehen hatte, nicht schlüssig war, hatte H. auch hier seine Version geändert.

 Im Zuge einer Pressekonferenz legte er einen Zettel mit dem Wort "Mama" vor und behauptete, dies wäre eine Art Abschiedsbrief gewesen. Gutachten ergaben allerdings, dass die Schrift nicht mit jener von Priklopil übereinstimmte.