Wenn die heile Welt zerbricht. Dass zu Festtagen Familienprobleme eskalieren, ist meist nur Spitze einer Gewalthistorie.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 19. Dezember 2017 (02:43)
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Das Weihnachtsfest als Rettungsanker? Zu hohe Erwartungen werden gerade bei Frauen oft bitter enttäuscht. Die Gewalterfahrung dauert aber meist schon weit länger an.

Der Christbaum liegt quer durchs Wohnzimmer. Zerbrochene Kugeln und Gläser überall. Schreien statt singen. Weinen statt lachen. Die ach so besinnlichen Festtage werden für manche Frauen und Kinder zu schwer traumatisierenden Stunden. Einigen bleibt als letzter Ausweg die Flucht ins Frauenhaus, oft auch mit Kindern. Ein schwerer, jedoch rettender erster Schritt aus der Gewalterfahrung.

„Gerade Feste machen Stress und Emotionen gehen dann viel leichter hoch, vor allem in Beziehungen, wo sowieso schon Gewalt im Spiel ist“, weiß Andreas Bandion, Leiter der Kriminalprävention im Landeskriminalamt NÖ, warum gerade zu Festtagen familiäre Auseinandersetzungen eskalieren.

„Gerade zu Weihnachten soll es friedlich und perfekt sein. Man hofft, alles wird gut.“ Maria Imlinger, Leiterin des Hauses der Frau St. Pölten

Das Gewaltschutzgesetz, das heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert, ist hier ein nicht mehr wegzudenkendes Hilfsmittel für polizeiliches Einschreiten. „Dadurch kann der Beamte auch eingreifen, wenn von den Betroffenen angegeben wird, ,es sei eh alles in Ordnung’, diverse Indizien wie eben zerbrochene Gläser, weinende Kinder oder ein blaues Auge dagegen sprechen“, so Bandion. Dann wird ein Betretungsverbot gegen den Aggressor ausgesprochen.

Doch steigen die Betretungsverbote in der Adventzeit an? Das Gewaltschutzzentrum NÖ hat von 14. November 2017 bis 14. Dezember 101 polizeiliche Betretungsverbote erfasst. Ein Anschnellen dieser in der Adventzeit macht sich nicht bemerkbar, Fakt aber ist: „Die Erwartungen an die ,ruhige Zeit’ sind hoch. Die Anspannung generell steigt schneller als während des restlichen Jahres“, weiß die neue Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums NÖ, Michaela Egger.

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Maria Imlinger, Leiterin des Frauenhauses in St. Pölten.

Mehr Tötungsdelikte im häuslichen Bereich rund um den 24. Dezember gibt es laut Leopold Etz, oberster Mordermittler im Landeskriminalamt, aber nicht.

Es muss aber nicht immer körperliche Gewalt sein, die verletzt. Maria Imlinger, Leiterin des „Hauses der Frau St. Pölten“, weiß, dass Frauen oft rund um die Festtage mit schweren psychischen Kränkungen konfrontiert sind. „Gerade zu Weihnachten soll es friedlich und perfekt sein. Man hofft, alles wird gut. Diese Erwartungen werden bitter enttäuscht, wenn der Partner nicht nach Hause kommt, mit der Freundin wegfährt oder Beleidigungen passieren.“ Ihre große Forderung an den Gesetzgeber: „Dass psychische Gewalt endlich als Strafdelikt geahndet wird.“

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