… plötzlich war es tot. Ob Überforderung, Depression, Jobverlust oder eine psychische Erkrankung: Wenn Eltern ihre Kinder töten, steht weit mehr als eine bloße Affekthandlung dahinter.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 16. Januar 2018 (02:55)
Kindstötungen gehören zu den schockierendsten Verbrechen. Und oft zeigen die Täter aus Selbstschutz wenig Empathie.
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Eine Mutter erstickt in einem Wiener Spital ihren acht Monate alten Sohn. Angeblich, weil der Großvater die vierjährige Tochter missbraucht haben soll.

Im Mai 2012 erschießt ein Vater seinen achtjährigen Sohn in der Schule und tötet sich selbst. Ende November 2016 erschießt eine Mutter im Raum Böheimkirchen ihre drei Kinder, ihren Bruder, ihre kranke Mutter und richtet sich selbst.

Doch was treibt Eltern dazu, ihre eigenen Kinder zu töten?

Karl Wurzer von der Staatsanwaltschaft St. Pölten weiß, „dass es oft sehr schwierig ist, die wahren Motive, die zu einer Tat geführt haben, zu erfahren, da nicht selten ein Suizid des Täters die Folge ist“.

„Solche Menschen befinden sich in einer für sie – rein subjektiv gesehenen – ausweglosen Situation“, sagt Leopold Etz, Mord-Chefermittler im Landeskriminalamt NÖ. Wenn Säuglinge durch ein Schüttel-Trauma zu Tode kommen, ist es zumeist „absolute Überforderung“, sagt Etz. Erst im Februar 2016 hatte ein Vater in St. Pölten seinen kleinen Sohn auf diese Weise tödlich verletzt.

Psychische Erkrankungen oder auch Finanznöte können zu Wahnsinnstaten führen, wie sie in Mauerbach 2006 passiert ist, wo ein Familienvater vier seiner fünf Töchter die Kehle durchgeschnitten bzw. sie erdrosselt hat. Existenzangst – das Haus hätte zwangsversteigert werden sollen – hatten ihn dazu getrieben. Er beging Suizid.

Gefängnis-Psychologin Daniela Seichter erläutert die Motive der Kindermörder.
privat

Daniela Seichter ist Leiterin des psychologischen Dienstes der Justizanstalt Krems-Stein. In ihrer Dienstzeit war sie schon öfters mit Eltern konfrontiert, die ihre Kinder getötet haben. „Jeder Fall ist individuell zu sehen. Es gibt es immer eine Vorgeschichte. Denn keiner steht auf und sagt: ,Ich töte mein Kind!‘“, sagt sie. Angebote zur Lösung der eben „subjektiven Ausweglosigkeit“ werden oft nicht genutzt. „Männer sind hier oft zu stolz, um Hilfe anzunehmen“, sagt Seichter. In tragischer Erinnerung hat sie einen Familienvater, der seine Kinder und seine Frau getötet hat. Er hatte seinen Job verloren, ein sozialer Abstieg war für ihn nicht verkraftbar.

Kindesmörder fassen langjährige Haftstrafen aus: Eine erste Prüfung der Voraussetzungen für eine etwaige bedingte Entlassung ist frühestens nach 15 Jahren Haft möglich.

Insassen, die wegen Kindesmords sitzen, gehen sehr unterschiedlich damit um. „Geständigkeit ist zwar da, die Empathie der Täter hält sich oft sehr in Grenzen. Vermutlich ist dies ein Schutzmechanismus, um nicht daran zu zerbrechen“, sagt Psychologin Seichter. Je länger die Haftstrafe, desto weniger werden zumeist Kontakte zu Angehörigen. Viele wenden sich sofort vom Mörder ab. Sofern es je zu einer Entlassung kommt, ziehen die Täter meistens um, vor allem im ländlichen Bereich.