Kinder als Fall fürs Gericht. Verletzung, Lärm oder Streit: Anstatt Probleme selbst zu lösen, kommen vermehrt Anwälte ins Spiel.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 17. Oktober 2017 (01:34)
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Kinder haben das Recht auf Spiel und Bewegung. Die Lärmkulisse ist immer wieder Anstoß für manche Bürger.

Ein Mädchen fällt im Kindergarten von einer Rutsche und bricht sich den Arm. Der Vater klagt auf Schadenersatz und bekommt Recht. Die Kindergärtnerin habe die Aufsichtspflicht vernachlässigt, so die Begründung des Gerichts.

Ein aktuelles Urteil, das nicht nur unter Pädagogen, sondern auch bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft (KIJA) für Aufruhr sorgt. „Verantwortungsvolles Handeln ja, aber nicht Kinder so unter einen Glassturz stellen, dass man ihnen ihre ureigendsten Bedürfnisse – nur des Schutzes wegen – nimmt“, meint Gabriela Peterschofsky-Orange, Leiterin der KIJA NÖ.

Kinder haben ein prinzipielles Recht auf Bewegung. Gabriela Peterschofsky-Orange, Leiterin der Kinder- und Jugendanwaltschaft NÖ.

Kinder haben Rechte. Das ist in der UN-Kinderrechtskonvention klar geregelt. Diese kinderrechtliche Grundrechtscharta ist von fast allen Ländern der Erde anerkannt worden und basiert auf drei Säulen: Schutz, Fürsorge und Partizipation. „Gerade letzter Punkt nimmt in Österreich einen immer höheren Stellenwert ein“, begrüßt Peterschofsky-Orange. Die bestmögliche Entwicklung des Kindes ist überdies ein Grundrecht in Österreich. „Urteile wie jenes im Kindergarten sehen wir bei der KIJA als großen Rückschritt in der Umsetzung dieses Grundrechtes“, sagt die Kinder- und Jugendanwältin.

Kinder sind nach Alter und Entwicklung zu fördern, zu unterstützen und zu schützen. „Das heißt, dass Kinder prinzipiell Recht auf Bewegung haben, nicht nur zur Motorikförderung und Gesunderhaltung“, so Peterschofsky-Orange, die eine „immer mehr nach Österreich schwappende amerikanische Klagskultur“ bemerkt. Sie ist überzeugt: „Je mehr einem Kind zugetraut wird, umso selbstbewusster und selbstständiger geht es später einmal durchs Leben.“

Gemeinsam eine Lösung finden

Wenn es zu Streitigkeiten unter Kindern und Jugendlichen kommt, würden Elternteile immer öfter vor Gericht ziehen. Eine Vorgangsweise, die auch pädagogisch infrage zu stellen ist. „Man schiebt das Problem von sich und lässt andere streiten, anstatt gemeinsam eine für alle akzeptable Lösung zu finden.“

Kinder wurden auch schon zum Fall fürs Gericht, weil sie zu laut waren. So machten in Mödling Anrainer gegen einen Kindergarten mobil, weil sie sich vom Lärm belästigt fühlten. „Für solche Fälle hat das Land NÖ glücklicherweise zugunsten der Kinder reagiert“, sagt die Kinderrechtlerin. Denn in der Bauordnung ist verankert, dass Kinderlärm nicht als störend zu werten ist.

Bei der KIJA gehen immer wieder Anrufe ein, in denen sich Bürger, Männer wie Frauen – zumeist mittleren Alters – über Kinder beschweren, weil sie sich aus verschiedensten Gründen durch diese gestört fühlen. „Wir klären dann auf, dass wir uns bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft ja für die Kinder und deren Rechte einsetzen“, so Peterschofsky-Orange. Einsicht würden die Anrufer nur selten zeigen. Auch dann nicht, wenn sie daran erinnert würden, dass auch sie einmal Kinder waren.

NÖ Kinder & Jugend Anwaltschaft

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