Forscherin Stefanie Auer: „Sind auf Demenz nicht vorbereitet“

147.000 Österreicher leben mit Krankheit, die geistige Funktion stört. Zahl verdoppelt sich alle 20 Jahre. Diagnose stellt Leben auf Kopf, sagen Betroffene und Angehörige.

Erstellt am 20. Oktober 2021 | 05:00
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Demenz verändert das Gehirn. Geistige Funktionen wie Denken und Orientierung, aber auch motorische Fähigkeiten gehen mit der Zeit verloren.
Foto: Shutterstock.com/Orawan Pattarawimonchai

Angefangen hat es bei Renate B. mit Ende 50. Eines Tages fiel ihr auf, dass sie sich nicht mehr auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren kann. Später verwechselte sie das Handy mit der Fernbedienung oder wusste beim Ausräumen des Geschirrspülers nicht mehr, in welchen Kasten die Teller gehören. Der Neurologe diagnostizierte eine besondere Form der Demenz.

Die Marchfelderin ist eine von 147.000 Österreichern, die mit der Krankheit leben, die zum Verlust geistiger Funktionen führt. „Die Zahl der Betroffenen verdoppelt sich alle 20 Jahre“, sagt Stefanie Auer vom Zentrum für Demenzstudien der Donau-Uni Krems. Das liegt daran, dass die Bevölkerung älter wird. Die Mehrzahl der Erkrankten ist über 65, acht Prozent sind jünger. Eine von Auers Patienten erst Ende 20.

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Stefanie Auer forscht in Krems zum Thema Demenz.
privat

Mit der Diagnose ändert sich das Leben schlagartig – für Betroffene und ihre Angehörigen. Renates Mann Paul (beide wollen ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen) hat seine Frau zehn Jahre zuhause gepflegt, bis sie in ein Pflegeheim ziehen musste. Raum und Zeit spielen für sie keine Rolle. „Man muss für zwei denken und verliert die Frau als Partner“, sagt Paul B., der mit seiner Gattin immer dieselben Gespräche führt. Manchmal macht ihre Krankheit sie aggressiv. Laut Experten ist das wie Depression eine häufige Folge.

Pflegende Angehörige fühlen sich alleine gelassen

Nötig ist laut Auer psychosoziale Hilfe für Betroffene. Zudem brauchen Erkrankte Bewegung und Gedächtnistraining. Heilbar ist Demenz noch nicht. Mit Medikamenten kann man die Symptome stabilisieren. Präventiv helfen Sport, gesunde Ernährung und geistige Forderung.

„Unsere Gesellschaft ist auf diese Epidemie aber nicht vorbereitet“, kritisiert Auer. In den Ländern vermisst sie ein echtes Konzept. Eine Weinviertlerin, die ihren Mann pflegt, berichtet, dass Infos über Hilfsangebote schwer zugänglich seien. Selbst viele Ärzte seien nicht gut im Umgang mit Demenzkranken geschult. Eine Runde von Männern, mit denen sich Paul B. in einer Selbsthilfegruppe austauscht, wünscht sich im öffentlichen Raum mehr Rücksicht auf Kranke. Mit der Schulung von Polizisten wurde begonnen. Anpassen müsse man auch Supermärkte und Öffis.

Renate B. und ihr Mann haben aus ihrer zunehmenden Verwirrtheit nie ein Geheimnis gemacht. Für Auer ist das das Ziel für die Gesellschaft: Ein offener Umgang mit der nach wie vor stigmatisierten Krankheit, damit Betroffene sich frühzeitig Hilfe suchen und auch Angehörige mit der Situation nicht alleine gelassen werden.