Konrad Kogler, der neue Chef der NÖ-Polizei. Der neue Landespolizeidirektor Konrad Kogler setzt auf Interview von Daniel Lohninger Kommunikation sowie Bekämpfung von Cybercrime und Extremismus.

Von Gila Wohlmann und Daniel Lohninger. Erstellt am 05. September 2017 (03:10)
Konrad Kogler im Gespräch mit NÖN-Chef vom Dienst Daniel Lohninger und NÖN-Reporterin Gila Wohlmann.
Erich Marschik

NÖN: Sie waren Generaldirektor für öffentliche Sicherheit. Jetzt sind Sie Landespolizeidirektor in Niederösterreich. Sehen Sie das als beruflichen Abstieg?

Konrad Kogler: Die Landespolizeidirektion in Niederösterreich ist kein „Pimperlverein“. Wir reden da von 4.800 Polizisten, 1,6 Millionen Einwohnern, Infrastruktureinrichtungen wie Flughafen Wien-Schwechat und einer wirtschaftlich prosperierenden Region, die Kriminelle aus aller Welt anzieht. Die Aufgabe ist eine tolle neue Herausforderung, bei der man auch näher an den Menschen ist, als als Generaldirektor für öffentliche Sicherheit – und bei der ich auf ein Team aufbauen kann, das hochprofessionell arbeitet.

„Die Landespolizeidirektion in Niederösterreich ist kein Pimperlverein.“Konrad Kogler

Welche Erfahrungen aus Ihrer bisherigen Funktion werden Sie in Ihrer neuen Funktion besonders brauchen können?

Kogler: Einen der Schwerpunkte der künftigen Polizeiarbeit in Niederösterreich sehe ich in der Bekämpfung der Cyberkriminalität. Hier habe ich in meinem bisherigen Job viele Kontakte aufgebaut, die jetzt hilfreich sind. Um Cyberkriminalität effizient bekämpfen zu können, ist Vernetzung das Um und Auf – Polizei, Wissenschaft, Wirtschaft, Länder, Bundesheer und Betreiber kritischer Infrastruktur müssen hier eng und international zusammenarbeiten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Ausweitung der rechtlichen Möglichkeiten.

Was meinen Sie damit konkret?

Kogler: Nehmen wir an, es gibt den Verdacht, dass Herr A mit Herrn B Drogen im großen Stil handelt. Die Polizei stellt einen Antrag auf Telefonüberwachung bei der Staatsanwaltschaft, das Gericht genehmigt ihn. Telefoniert Herr A mit Herrn B, können wir das Gespräch mithören – wechselt er aber auf Skype oder WhatsApp – sind uns Hände gebunden. Die Polizei muss künftig, selbstverständlich unter Einhaltung der rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen, Verdächtige verfolgen können – egal, über welchen Weg sie kommunizieren.

Die Polizisten werden in Zukunft selbst über Tablets und Smartphones verfügen. Was bringt das?

Kogler: Es bringt eine wesentliche Arbeitserleichterung für die Polizisten im Außendienst. Sieht ein Beamter beispielsweise ein verdächtiges Auto, fotografiert er es und schickt es gleich über die interne Datenbank-Abfrage – binnen Sekunden wissen wir, ob das Kennzeichen zu einem offenen Fall gehört oder nicht. Über eigene Gruppen können dann ähnlich wie bei WhatsApp auch gleich andere Polizisten informiert werden. Ende des Jahres wird es auf jeder Dienststelle sowie in jedem Streifenwagen zumindest ein Tablet geben.

Als Herausforderung für die Polizeiarbeit sehen Sie auch die Migration. Hat sich die Situation nicht bereits entspannt?

Kogler: Die illegale Migration ist zurückgegangen. Dennoch greifen wir derzeit pro Monat etwa 100 illegale Einwanderer auf. Und wir sehen, dass wieder öfter Leute in Lkws und Kastenwägen gepfercht werden. Wir müssen hier wachsam sein, wenn wir verhindern wollen, dass wieder Menschen sterben. Wir werden deshalb den Kontrolldruck weiter erhöhen müssen.

Das heißt, dass auch „normale“ Autofahrer wieder mit mehr Polizeikontrollen zu rechnen haben.

Kogler: Durch die internationale Zusammenarbeit sind wir immer sehr gut informiert über Schlepperrouten und die Fahrzeuge, die eingesetzt werden. Aber wenn zufällig auch das Auto eines „normalen“ Autofahrers in dieses Bild passt, kann natürlich auch sein, dass er mit der einen oder anderen Kontrolle mehr rechnen muss.

In Ihrer Antrittsrede haben Sie den Extremismus als große Bedrohung genannt. Welche Szenarien gibt es in Niederösterreich?

Kogler: Extremismus ist eine Gefahr. Da geht es nicht nur um religiös motivierten, es gibt auch gefährliche linksextreme wie rechtsextreme Tendenzen, auch von ausländischen Gruppierungen. Und es gibt die sogenannten Staatsverweigerer, die durch ihre ignorant anmutenden Einstellungen zum öffentlichen Leben nicht verharmlost werden sollten. Durch das Nicht-Anerkennen unseres Rechtsstaates greifen sie in die Rechte anderer ein. Wenn ein Staatsverweigerer einen Autounfall verursacht und keine Versicherung hat, bekommt der andere die Probleme.

Die Aktion „Gemeinsam sicher“ soll auch präventiv wirken. Sind schon Erfolge erkennbar?

Kogler: In der Pilotregion Mödling hat man sehr gute Erfahrungen gemacht, und ich bin davon überzeugt, dass „Gemeinsam sicher“ überall im Land alternativlos ist. Im Endeffekt geht es darum, dass man nicht die Symptome bekämpft, sondern die Probleme an der Wurzel packt. Die konkreten Herausforderungen sind in Städten wie St. Pölten oder Wiener Neustadt anders als in Landgemeinden – Kriminalität gibt es aber überall. Es kann aber nicht sein, dass Frauen auf offener Straße verunsichert sind oder Mütter mit Kindern Spielplätze meiden.

Die Kriminalität ist gesunken. Viele Menschen haben aber das Gefühl, dass die Kriminalität überhandnimmt. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit?

Kogler: Wenn die Kriminalität in Niederösterreich so wie im ersten Halbjahr 2017 um 8,6 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr zurückgeht, dann wird darüber einmal in Zeitung, Radio und TV berichtet. Gibt es in Barcelona einen Terror-Anschlag, wird darüber tagelang berichtet. Das erzeugt Verunsicherung. Dazu kommen dann die sozialen Netzwerke, in denen oft geschrieben wird, was man früher nur am Wirtshaustisch gesagt hätte. Damals hätte irgendjemand gefragt, woher die Information ist, und die Geschichte hätte sich als falsch oder gelogen herausgestellt. Genau das sehe ich nicht nur als Aufgabe der Polizei, sondern auch als Aufgabe unserer Gesellschaft: Wir müssen den Mut haben, in den sozialen Medien aufzuzeigen, wenn etwas falsch oder gelogen ist.