Experten: „Negativer Antigentest ist kein Freischein“

Forscher warnen vor falscher Sicherheit. Ohne Verzicht steuere man auf einen neuen Lockdown zu.

Norbert Oberndorfer
Norbert Oberndorfer Erstellt am 02. Dezember 2020 | 05:16
Gerald Gartlehner und Michael Wagner
Gerald Gartlehner ist Epidemiologe an der Donau-Uni-Krems. Michael Wagner ist Mikrobiologe an der Uni Wien.
Foto: privat

Massentests sind sinnvoll, wenn viele Menschen sich wiederholt testen lassen, die Ergebnisse schnell kommuniziert werden und die Zahl der Infizierten (Prävalenz) hoch ist. Da sind sich der Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Uni Krems und der Mikrobiologe Michael Wagner von der Uni Wien einig.

Aber negative Antigentests sind „kein Covid-19-Freischein“, warnt Wagner. „Ich habe aus Bratislava gehört, dass dort nach Massentests Partys stattgefunden hätten, da sich die Menschen nach einem negativen Test sicher gefühlt hätten. So erreicht man in Gebieten mit ursprünglich niedriger Prävalenz das Gegenteil: Die Infektionszahlen gehen rauf.“

„Gefährlich“ ist für Gartlehner die Kommunikationsstrategie der Regierung. Diese verkündete, das Weihnachtsgeschäft durch Massentests retten zu wollen. „Man kann nach einer Infizierung vor drei Tagen heute noch einen negativen Test haben, aber morgen bereits andere anstecken, weil sich die Viren so schnell vermehren“, erklärt Gartlehner.

Bei diesen Sterbezahlen hauptsächlich über die Rettung des Weihnachtsgeschäftes und den Tourismus zu diskutieren, halte ich für unangebracht Michael Wagner

Studien hätten zudem gezeigt, dass ein Antigentest keinesfalls sichere Ergebnisse liefere. Verlässlich sei dieses nur, wenn nach jedem positiven Antigentest ein PCR-Test gemacht werde. „Momentan warten aber schon Erkrankte Tage auf einen Test. Kommen die Massentests dazu, bricht das System zusammen.“ Das Geld, das in die Tests fließt, wäre in das Contact Tracing besser investiert, meint Gartlehner.

Der Epidemiologe rechnet damit, dass die Zahlen nach den Tests kurzfristig sinken. „Man kann Infizierte schon rausfischen.“ Aber ohne regelmäßige Tests, mindestens einmal pro Woche, werden sie bald wieder steigen. Aus Wagners Sicht müsse man am partiellen Lockdown festhalten: „Wenn wir mit 1.000 bis 2.000 Neuinfektionen pro Tag aus dem Lockdown kommen und zu schnell öffnen, wird die Zahl nach Weihnachten und Silvester schnell wieder steigen.“

Aktuell sterben pro Tag rund 80 Menschen an Covid-19 in Österreich. „Ich kann sehr gut verstehen, dass man für Terror-Tote Kerzen anzündet, aber mir fehlt die öffentliche Trauer für die Covid-Toten. Bei diesen Sterbezahlen hauptsächlich über die Rettung des Weihnachtsgeschäftes und den Tourismus zu diskutieren, halte ich für unangebracht“, sagt Wagner.