Rotraud Perner: „Nur reden bringt gar nichts“

Gegen die Krise nach der Pandemie legt das Land NÖ ein Programm auf. Psychoanalytikerin Rotraud Perner informiert über den Nutzen.

Eva Hinterer
Eva Hinterer Erstellt am 30. September 2021 | 05:00
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Psychoanalytikerin Rotraud Perner: „Bedarf erkennen.“
Foto: Esther Crapelle/ Atelier Mystiq

Die „Tut gut!“-Gesundheitsvorsorge des Landes NÖ startet einen Schwerpunkt zur mentalen Fitness. Denn laut einer Umfrage im Frühjahr verspüren über 22 Prozent von 1.000 Befragten zwischen 14 und 79 einen negativen Einfluss der Pandemie auf ihre mentale Gesundheit.

Durch die Initiative sollen körperliche Krankheiten, die oft aus Stress resultieren, hintangehalten werden. Eine Zielgruppe ist neben alten Menschen das Gesundheitspersonal. Dieses soll mit Workshops, Coachings, Vorträgen etc. angesprochen werden. Psychoanalytikerin Rotraud Perner über die Sinnhaftigkeit solcher Programme.

NÖN: Wie müssten solche Programme aussehen, um tatsächlich zu unterstützen?

Rotraud Perner: Das Wichtigste ist, dass die Betroffenen – Gesundheitspersonal wie auch deren KlientInnen – erkennen, in welchen Situationen sie Unterstützung brauchen und wie sie sich die selbst vermitteln, denn gerade in Helferberufen oder -funktionen wie beispielsweise als „gute Mutter“ nimmt man immer die Anderen als hilfsbedürftiger wahr als sich selbst.

Dass eine solche Aktion grundsätzlich sinnvoll ist, steht wohl außer Streit. Aber was meinen Sie zum Zeitpunkt der Aktion?

Perner: Hätte vielleicht schon vor einem Jahr geschehen sollen … aber da hat man noch geglaubt, dass nach dem Sommer alles vorbei sein wird. Ich habe voriges Jahr im Spätfrühling etlichen Krankenpflegepersonen mit meiner Methode in nur einer Sitzung aus der Erschöpfung herausgeholfen – die sind allerdings aus Eigenem zu mir gekommen, weil sie mich von früheren Trainings kannten.

Zweiter Schwerpunkt sind alte und auch demente Personen. Sie sollen aus ihrer sozialen Isolation geholt werden – mit „Bunten Nachmittagen“ oder Tanzveranstaltungen. Reicht das?

Perner: Ich bin ein Fan von Biografiearbeit und natürlich auch Validation, ein wertschätzendes Eingehen auf desorientierte Personen. Tanzen ist hilfreich – wenn man schon in jüngeren Jahren getanzt hat. Ebenso Singen. Bunte Nachmittage eher nicht – sie aktivieren keine alten Neurosignaturen, sind nur Berieselung. Es gilt immer, Altbewährtes und Beglückendes neu zu stimulieren.

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Mentale Gesundheit basiert auf ganzheitlichem Wahrnehmen. In „Hand - Herz - Hirn“ zeigt Rotraud Perner Wege, Unebenheiten auszubalancieren. (Edition Rösner, ISBN 978-3-902300-86-7)
Edition Rösner

Was kann das Umfeld dazu beitragen, um Betroffene wieder unter Menschen zu bringen?

Perner: Wie bei jeder Person, die ihrer Energie verlustig gegangen ist: Mit ihr gemeinsam rausgehen, sie liebevoll umwerben und Geduld haben, das ist das Schwerste. Ich habe das alles in den 1980 er Jahren als „Psychoanalytische Sozialtherapie“ gelernt; heute bin ich die Einzige von damals, die das noch praktiziert … und gerne auch lehrt.

Wie regelmäßig müssten solche Veranstaltungen sein, um den Menschen das Gefühl zurückzugeben, dass sie wieder Teil der Gesellschaft sind?

Perner: Das müssen diejenigen, die sich dafür engagieren, selbst prüfend herausfinden – deswegen ist hier fachliche Begleitung und auch Supervision unabdingbar. Ich selbst gestalte so etwas einmal im Monat, ideal sind drei Stunden – und ich erkläre dabei auch meine Methode, denn dann können sich die SupervisandInnen bald ohne „Besserwisser“ selbst „intervidieren“, wie der Fachausdruck für gegenseitige Supervision auf Augenhöhe lautet.

Wie groß ist die Chance, isolierte Personen überhaupt für Aktivitäten zu begeistern?

Perner: Im Wort „begeistern“ steckt „Geist“ drinnen – und das ist der Geist der Liebe, der das Herz weit macht, und zwar bei den Pflegenden und Betreuenden. Aber das muss man alles vormachen – nur davon reden, bringt gar nichts.