Mit den Burschen fängt es an. Die Arbeit mit gewaltbereiten Männern sollte früh beginnen. Drei Therapeuten haben damit gute Erfahrung gemacht.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 17. Februar 2021 (05:51)
Therapie im Wald: Das Pionier-Projekt von Martin Steiner in St. Pölten arbeitet mit Burschen, die Probleme im Sozialverhalten haben. In freier Natur funktioniert das weitaus besser, als in geschlossenen Räumen.
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„Die Fallzahlen bei den Beratungen steigen“, sagt Männerberater Peter Herzog aus Gmünd. Und erzählt von einem Burschen aus dem Waldviertel, dem der Lockdown in der Enge der Familie schwer zu schaffen gemacht hat. „Der Bursch braucht eine Möglichkeit, wegzukommen, um niemanden zu gefährden“. Denn Lockdown-Situationen sind nicht nur für potenzielle Opfer gefährlich, sondern auch für potenzielle Täter.

Peter Herzog, Psychotherapeut und Männerberater in Gmünd.
privat

Damit Burschen erst gar nicht zu Gewalttätern werden, hat Martin Steiner in St. Pölten vor 13 Jahren ein Projekt initiiert: Gemeinsam mit einem Kollegen arbeitet er mit Burschen, die gravierende Probleme im Sozialverhalten haben, in der freien Natur. In Gruppen lernen dort maximal acht Teilnehmer zwischen elf und 16 Jahren den Umgang miteinander und vor allem den mit ihren eigenen Emotionen. Die Teilnahme ist freiwillig, und es gibt wenige, aber klare Regeln: Kein Handy, keine Gewalt, Stopp bei Überforderung und: andere ausreden lassen.

Diese Therapie ist Teil eines größeren Plans, für den sich die drei Psychotherapeuten und Männerberater Martin Steiner, Peter Herzog und Arno Dalpra zusammengetan haben: dem Netzwerk „Denkwerkstatt“. Ziel dieses Netzwerkes ist die Eindämmung der Gewalt, die von Männern ausgeht. „Alle haben Angst, dass es mehr Opfer unter den Frauen gibt, aber niemand spricht die Täter an“, sagt Arno Dalpra.

Arno Dalpra, Psychotherapeut und Männerberater in Vorarlberg.
privat

Dabei führten vermeintlich ausweglose Situationen wie ein Lockdown klarerweise zu mehr Gewalt - und die werde auch breiter, sagt Dalpra, sprich: Mehr Leute sind betroffen. Was die Täter – oder Gefährder – ins Licht rückt.

Kontakt zum Opfer, aber nicht zum Täter

Dalpra sagt auch, dass es einen Impuls brauche, damit Männer über sich sprechen. So wünschen sich die Berater, dass gewalttätige Männer binnen 72 Stunden nach einem Vorfall von einem Gewaltexperten kontaktiert werden müssen. Ganz so, wie es bei Frauen, die Opfer werden, auch passiert. Ihre Daten gehen von der Exekutive an das Gewaltschutzzentrum, das sich bei den Frauen meldet und Unterstützung anbietet. Mit einer proaktiven Kontaktaufnahme würde auch der Staat zeigen, dass er kein Interesse daran hat, dass Männer zuschlagen, sagt Peter Herzog. Entsprechende Angebote gibt es nur wenige.

Der Sinn hinter einer schnellen Intervention ist, dass sich Gewalttäter mit Zunahme des zeitlichen Abstandes zur Tat immer mehr Ausreden zurechtlegen. „Die Ausreden wie ,Mir ist die Hand ausgerutscht’ sind zwar innerhalb der ersten 72 Stunden auch da, aber sie sind schwerer zu verkaufen“, hält Arno Dalpra fest.

Zurück zu den Burschen, wo Peter Herzog das Leistungsdenken als großes Problem sieht: „Das heißt nämlich auch, dass man auf jede Situation sofort reagieren muss.“ Sich keine Zeit zum Nachdenken zu nehmen führt aber oft zu Gewalt, sagt Arno Dalpra: „Zuschlagen ist ja auch eine Entscheidung, aber davor ist die Ohnmacht. Viele Männer sagen, dass sie im Moment des Zuschlagens nicht wussten, was sie sonst tun sollen.“

Martin Steiner. Psychotherapeut und Männerberater in St. Pölten
privat

Martin Steiner kennt das aus seinen Gruppen, wo Burschen immer wieder sagen „wenn ich jetzt nicht zuhaue, bin ich ja ein Loser.“ Dass man nicht immer sofort reagieren muss, und schon gar nicht mit Gewalt, lernen sie in der Therapie. Und auch, dass erwachsene Männer – in dem Fall ihre Therapeuten – manchmal sprachlos sind. „Viele Männer erkennen oft erst an der Betroffenheit von uns Therapeuten, was sie eigentlich angerichtet haben.“