Super-GAU wirkt bis 2065 nach. Niederösterreichs Böden strahlen 35 Jahre nach nuklearer Katastrophe von Tschernobyl immer noch. Auch medizinisch hat sie Folgen.

Von Lisa Röhrer und Norbert Oberndorfer. Erstellt am 28. April 2021 (05:49)
Supergau in Tschernobyl
Tass / picturedesk.com

Vor 35 Jahren ereignete sich die bisher größte Nuklearkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Durch menschliches Versagen und Konstruktionsfehler explodierte am 26. April 1986 der Reaktor von Block vier des Atomkraftwerks Tschernobyl. In einer Wolke stiegen radioaktive Partikel auf, die der Wind über ganz Europa verteilte.

Drei Tage später erreichte die Wolke Österreich. Die Auswirkungen sind heute noch in Niederösterreich messbar. Wenngleich das Bundesland durch geringere Niederschlagsmengen nach dem Super-GAU weniger stark belastet ist als Oberösterreich, Kärnten, Salzburg oder die Steiermark.

Nachgewiesen wird in Österreich nach wie vor das langlebige Cäsium-137. Eine Rolle spielt der radioaktive Stoff vor allem in Wäldern, wie 2016 ein Forschungsprojekt von der Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) und der Universität für Bodenkultur (BOKU) vor Augen führte. Cäsium ist noch immer in den oberen Bodenschichten messbar.

Bodenbelastung durch Cäsium-137
Quelle: BORIS Datenbank; Bearbeitung: Umweltbundesamt; Grafik: NÖN

Bodenbelastung durch Cäsium-137
Quelle: BORIS Datenbank; Bearbeitung: Umweltbundesamt; Grafik: NÖN

Wildtiere, vor allem Wildschweine, nehmen den Stoff beim Wühlen nach Nahrung im Waldboden auf. Gezeigt hat sich das auch im Dunkelsteiner Wald in den Bezirken St. Pölten und Melk, wo im Zuge der Forschung Pilze, Beeren und Wildfleisch untersucht wurden. Das nächste Wildessen muss man, laut AGES, aber nicht ausfallen lassen: Fleisch und Pilze werden regelmäßig von der Gesundheitsbehörde geprüft.

Auch Import-Waren werden kontrolliert. Bei rund 250 genommenen Wildfleisch-Proben gab es seit 2019 lediglich sechs Proben, bei denen der von der EU festgesetzte Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilo überschritten wurde. Bei Eierschwammerl und Steinpilzen lagen alle Messergebnisse weit unter dem Grenzwert. Lediglich bei einer Semmelstoppelpilz-Probe wurde ein höherer Wert festgestellt.

In der Landwirtschaft spielt die Strahlung keine Rolle mehr: Von Acker- und Wiesenflächen wird Cäsium durch Regen in tiefere Schichten gespült und bei der Bearbeitung der Felder in tiefere Schichten eingearbeitet.

1.000 zusätzliche Krebserkrankungen

Schwerwiegend sind aber die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe. Die Strahlenbelastung dürfte bis 2065 für etwa 1.000 zusätzliche Krebserkrankungen sorgen, schätzt Strahlenepidemiologin Elisabeth Cardis. Europaweit werden in dem Zeitraum etwa 16.000 Schilddrüsenkrebs- und 25.000 weitere Krebserkrankungen dazukommen. In den am stärksten betroffenen Bezirken zeigte sich eine gering erhöhte Inzidenz bei kindlichen Leukämien und Schilddrüsenkrebs, die Cardis‘ Prognose bestätigt. Dazu kommt ein Anstieg bei Erbinformationsdefekten.

Um die Lage zu überwachen und für den Ernstfall gerüstet zu sein, hat NÖ Strahlenschutz-Teams. Bei der Polizei stehen 120 Kräfte mit einer Zusatzausbildung als „Strahlenspürer“ bereit. Die Feuerwehr verfügt in jedem Viertel über einen Strahlenschutzzug. „Wir haben in jedem Bezirk Messgeräte und Einsatzkräfte“, erzählt Strahlenschutzreferent Andreas Polaschek von der Polizei.

Aktive Atomkraftwerke nahe der Grenze

Nach einem Unfall eines Transport-Fahrzeuges für radioaktive Stoffe, einem Kernkraftunfall oder einem Satellitenabsturz könne man so reagieren. Für große Einsätze steht ein Messsystem im Hubschrauber bereit, das Polaschek schon vor über 20 Jahren in der Tschernobyl-Sperrzone getestet hat. Ebenfalls gerüstet ist die ABC-Abwehr des Bundesheers in Korneuburg. Im Einsatz stand sie mit Spür- und Dekontaminationstrupps schon 1986.

Dass Niederösterreich sich für eine künftige atomare Verstrahlungsgefahr wappnet, liegt (grenz-)nahe: Jede Bezirksstadt hat im Umkreis von 150 Kilometern ein aktives Atomkraftwerk und mitten im Land mit dem AKW Zwentendorf (Bezirk Tulln) ein nie in Betrieb genommenes. Die österreichische Bevölkerung hat sich 1978 in einer Abstimmung mit 50,5 Prozent gegen Atomkraft entschieden.

Wegen radioaktiver Ablagerungen nach Atombombentests und Kernkraftunfällen, und natürlichen Strahlungsquellen wie medizinisches Röntgen und Flugreisen werde die Strahlung laut Umweltbundesamt in Österreich nie ganz verschwinden. Sie bleibt so zumindest innerhalb unbedenklicher Grenzen.