Kartographie: Erde, Wasser und Doppeladler. Was für ein Bild von der Welt machten sich Menschen bei uns vor fünfhundert Jahren? Die Karten der frühen Neuzeit geben interessante Einblicke, wie die Entdeckung der Welt voranschritt – und wie Politik und Gesellschaft auf die Entdeckungen reagierten.

Von Petra Svatek. Update am 16. Juli 2021 (13:44)

Die Kartographie erlebte im 16. Jahrhundert einen Aufschwung. Die Gründe dafür lagen in der Weiterentwicklung der Naturwissenschaften, in den während des 15. Jahrhunderts eingeführten Druckverfahren, wodurch Karten beliebig reproduzierbar wurden, sowie in den Entdeckungsreisen. Während des 16. Jahrhunderts wandelte sich das Weltbild enorm. Waren am Beginn des Jahrhunderts lediglich die Konturen Afrikas, einige Inseln Amerikas und Küstenstriche des indischen Subkontinents bekannt, so kannte man um 1600 bis auf den arktischen und antarktischen Raum sowie Australien die Umrisse aller Kontinente. Das jeweilige Innere blieb hingegen noch unerforscht. Alle Reisen hatten Karten zur unmittelbaren Folge, wollte man doch das neu entdeckte oder erforschte Territorium bildlich sichtbar machen.

Fragwürdige Maulwurfshügel und erfundene Inseln

Abb. 1 Die Karte „Tijpus Freti Magellanici“ von 1619 - Kopie
Die Karte „Tijpus Freti Magellanici“ von 1619.
Karte: ÖAW, Sammlung Woldan, R-II: WE 67

1619 entstand im Zuge der Weltumseglung von Willem Cornelisz Schouten und Jacob Le Maire eine Karte, die das südliche Amerika zeigt. An dekorativen Elementen fallen Schiffe, jagende Menschen, Nandus, eine Begrüßungsszene zwischen Einheimischen und Europäern und ein übergroßer Pinguin auf. Die Karte zeigt das südliche Patagonien und den nördlichen Bereich von Feuerland. Da diese Region damals noch unerforscht war, können die eingetragenen Berge in „Maulwurfshügelmanier“ keine Schlussfolgerungen auf die tatsächlichen morphologischen Verhältnisse zulassen. Zudem stimmen die in der Magellanstraße eingetragenen Inseln mit der Realität nicht immer überein. Auch andere Karten der frühen Neuzeit enthielten oftmals Fantasieeintragungen. Vor allem das Innere der Kontinente war mit Namen, Flüssen und Bergen versehen, die sich zu diesem Zeitpunkt für Europäer lediglich durch Erzählungen und Legenden erschlossen.

Europas Kartenzentren

Abb. 2 Die Weltkarte des Kartenverlages Hondius aus dem Jahre 1625 - Kopie
Die Weltkarte des Kartenverlages Hondius aus dem Jahre 1625.
Karte: ÖAW, Sammlung Woldan, K-V(Bl): WE 73;

Die Zentren der Kartographie entwickelten sich zunächst in Italien, Lothringen und Süddeutschland, wo vor allem Nürnberg und Saint Dié (Lothringen) eine bemerkenswerte Stellung einnahmen. Hier wurden nicht nur Globen zum ersten Mal serienmäßig produziert, sondern Martin Waldseemüller fertigte 1507 die erste Weltkarte mit dem Namen Amerika an. Während der zweiten Jahrhunderthälfte verlagerte sich der Schwerpunkt nach Antwerpen, Duisburg und schließlich nach Amsterdam, das im 17. Jahrhundert das bedeutendste Zentrum der Kartenproduktion in Europa war.

In den beiden erstgenannten Städten wirkten unter anderem Abraham Ortelius, der mit seinem „Theatrum Orbis Terrarum“ (ab 1570) das erste atlasähnliche Kartenbuch verfasste, sowie Gerhard Mercator, dem wir 1569 die Mercatorprojektion sowie 1595 das erste Buch mit dem Namen „Atlas“ verdanken. Das Markenzeichen der Amsterdamer Kartographen war der Druck umfangreicher Atlanten, wobei sie auch auf die künstlerische Ausgestaltung der Karten achteten. Abbildung 2 zeigt die Weltkarte aus dem Jahre 1625 des Verlages Hondius. Sie gibt den aktuellen Stand der Entdeckungsreisen wieder und besticht außerdem durch viele allegorische Darstellungen. Visualisiert wurden die vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter ebenso wie die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft.

Die Anfänge der österreichischen Kartographie 

Nach ersten Anfängen im 15. Jahrhundert setzte ab 1500 auch in Österreich ein Aufschwung der Kartographie ein. Karten entstanden vor allem im Zuge von kriegerischen Auseinandersetzungen und von Grenzstreitigkeiten, so zum Beispiel eine Karte über das Zillertal (1630) von Hilarius Duvivier, die infolge von Streitigkeiten über die Nutzung von Bergbaugebieten angefertigt wurde. In Wien stellte man nach der Ersten Türkenbelagerung (1529) einige Karten her, darunter unter anderem maßstabsgetreue Pläne mit den bereits fertiggestellten neuen Verteidigungsanlagen von Augustin Hirschvogel. Auch die heutigen österreichischen Bundesländer erhielten in der frühen Neuzeit ihre ersten Karten. Während die beiden Innsbrucker Regierungsbeamten Warmund Ygl und Mat- 

thias Burgklechner zu Beginn des 17. Jahrhunderts Karten über Tirol veröffentlichten, legten Abraham und Israel Holtzwurm sowie Georg Matthäus Vischer ihr Hauptaugenmerk auf Ober- und Niederösterreich, Kärnten und die Steiermark.

Wolfgang Lazius, der Mann für alle Fälle 

Zum ersten bedeutenden Vertreter der österreichischen Kartographie zählt der Wiener Wissenschaftler Wolfgang Lazius, der von Anfang der 1540er Jahre bis zu seinem Tod 1565 insgesamt 24 Karten anfertigte, auf denen Gebiete zwischen Brandenburg im Norden und Kreta im Süden sowie dem Elsass im Westen und Kleinasien im Osten visualisiert sind. Als Quelle standen Lazius Bücher antiker und zeitgenössischer Autoren, Koordinatenlisten, Karten anderer Kartographen und Namensverzeichnisse zur Verfügung. Zudem unternahm er einige Reisen, die er zum Zeichnen von Skizzen diverser Landschaften und Siedlungen nutzte.

Lazius war ein echter Tausendsassa: Er war nicht nur Professor für Medizin an der Universität Wien, sondern auch Leibarzt Ferdinands I., Hofhistoriograph und Leiter der kaiserlichen Antiquitätensammlung.

Seine Karten, die er im Auftrag Ferdinands oder aus eigener Initiative entworfen hatte, repräsentierten symbolisch das Territorium der Habsburger und dokumentierten auch ihr politisches Handeln, das damals durch die Auseinandersetzungen mit den Osmanen und durch Glaubenskonflikte geprägt war. Daher visualisierte Lazius nicht nur die Topographie eines Territoriums, sondern er fertigte auch Karten zu diversen politischen Ereignissen an. Dazu zählen die beiden Karten über den Schmalkaldischen Krieg und die Westungarnkarte, die infolge der Kampfhandlungen zwischen Habsburgern und Osmanen 1556 entstand.

 Karten erzählen   

Abb. 4 NÖ-Karte von Lazius-kopie
Lazius’ Niederösterreichkarte von 1561
ÖAW, Sammlung Woldan, K-V(Bl): OE 2322a

Lazius’ Karten sind ebenso vielschichtig wie seine Biographie: Die Kartenbilder glorifizieren einerseits die Taten der Habsburger, andererseits fungieren sie auch als Gedächtnisspeicher, um die Ereignisse für die Nachwelt in Erinnerung zu behalten.

   Die Westungarnkarte beinhaltet die Marschrouten der Heere in Form von punktierten Linien sowie Bilder von den Versorgungs- und Militärlagern und vom Kampfgebiet. Um den Betrachtern das Verstehen zu erleichtern, werden Symbole verwendet: Das Versorgungslager der Habsburger stellte Lazius durch zwölf Zelte, Handwerker, Fässer und zwei bewaffnete Reiter dar, während das Militärlager unter anderem durch 19 Zelte, einige Kanonenrohre und Soldaten visualisiert wurde.

  In den elf Karten der „Typi chorographici provinciarum Austriae“ (1561) legte Lazius sein Augenmerk auf die Wiedergabe der österreichischen Lande, wobei vor allem die Symbolik von Bedeutung ist. Die korrekte Wiedergabe der Topographie wird hier eher zur Nebensache. Die Karten werden jeweils vom österreichischen Doppeladler gehalten, auf dessen Schwingen die Wappen der Nachbargebiete zu sehen sind. Diese kombinierte Darstellung von Territorium und Doppeladler soll auf die Zugehörigkeit zum Habsburgerreich verweisen. Das zeigt sich schön auf der Karte über Niederösterreich zwischen der Pielach im Westen und der Fischa im Osten sowie zwischen dem südlichen Weinviertel im Norden und dem Semmering im Süden. Lazius wollte mit ihr die von Otto I. gegründete Mark darstellen und hat sie somit als Geschichtskarte konzipiert.

    Die größte Karte der „Typi“ beinhaltet Nieder- und Oberösterreich sowie die nördliche Steiermark und das heutige Burgenland. Die Besonderheit der Karte sind 18 Legenden, die an bedeutende mittelalterliche Schlachten erinnern. Zu finden sind unter anderem die Schlacht bei Dürnkrut (1278), welche die Herrschaft der Habsburger einleitete, und die Schlacht an der Leitha (1246), bei der infolge des Todes von Herzog Friedrich II. die Herrschaft der Babenberger endete.