Emmaus St. Pölten: Von der Straße zurück ins Leben. Im Emmaus-Tageszentrum in St. Pölten finden Wohnungslose Zuflucht. Andreas hilft dort als Ehrenamtlicher. Er hat es von ganz unten wieder nach oben geschafft – ein Weg, den Corona noch schwerer macht.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 07. April 2021 (03:39)
Was es in den nächsten Tagen im Obdachlosen-Tageszentrum zu tun gibt, besprechen Emmaus-Bereichsleiter Lorenz Hochschorner (rechts) und der ehrenamtlichen Helfer Andreas. Foto: privat
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Noch bevor Andreas* durch die Unterführung beim Kalvarienberg radelt, kann er die Gruppe hören, die vor dem Emmaus-Haus am St. Pöltner Stadtrand sitzt.

Acht Männer kauern dort in Plastik-Sesseln, die Kaputzen auf ihren Köpfen wegen der Kälte fest zugeknöpft. Im Inneren des Gebäudes lehnen 20-Jährige neben 60-Jährigen an der „Soft“-Bar, trinken Eistee oder Frucade – Alkohol gibt es nicht.

Warme Mahlzeiten, frische Kleidung oder eine heiße Dusche bekommen Obdachlose im Emmaus-Tageszentrum in St. Pölten. Foto: Röhrer
Lisa Röhrer

Eine Runde spielt Karten auf einem der selbstgezimmerten Tische im Speiseraum. Andere blicken gedankenverloren zu Boden. Alle wollen die Zeit totschlagen. Die vergeht im Lockdown in einem Obdachlosenheim noch langsamer als sonst.

Andreas will dafür sorgen, dass sich die Uhr ein wenig schneller dreht. Der Mitte-60-Jährige kommt als Ehrenamtlicher seit vier Jahren fast täglich in das Emmaus-Tageszentrum in St. Pölten. Kennengelernt hat er die Zufluchtsstelle für Obdachlose ein Jahr zuvor, als er bei Emmaus selbst nach einem Bett fragen musste.

In der Corona-Zeit hat er damit begonnen, Spiele-Nachmittage zu organisieren. Sonst hilft er beim Kochen oder, indem er sich einfach mit den Gästen unterhält. Viele Situationen, von denen die ihm erzählen, kennt er selbst.

Das Geld, das sein Vermieter bekommen sollte, hat er Monat für Monat in Spielautomaten gesteckt. Nach einiger Zeit war die Wohnung weg. Ebenso der Kontakt zu Freunden und Familie. Für viele ist es deshalb leichter mit ihm zu reden: „Ich weiß, wie es sich anfühlt, so unglaublich verletzt zu sein.“

Keine offiziellen Zahlen über Obdachlose

Wie viele Menschen in Niederösterreich dieses Gefühl kennen, können Hilfsorganisationen nur schätzen. „Wir kritisieren schon lange, dass es keine Zahlen über Obdachlose gibt. Wenn wir die hätten, könnten wir unser Angebot bedarfsorientierter gestalten“, sagt Barbara Bühler vom Armutsnetzwerk.

Zahlen gibt es im jährlichen Sozialbericht des Landes nur zu den Hilfsangeboten für wohnungslose Menschen. Insgesamt gibt es 13 solcher Einrichtungen in NÖ. Unterschieden werden Notschlafstellen, in denen Menschen ohne Anmeldung für eine Nacht ein Bett bekommen. Tageszentren, in denen sie sich untertags warm halten können. Und Wohnheime oder WGs, in denen sie längerfristig an ihrer Lebenssituation arbeiten können. 2019 nutzten die Angebote rund 1.200 Personen.

„Den“ Obdachlosen gibt es nicht

Die Probleme, mit denen diese Menschen kämpfen, sind verschieden. Genau wie die Gäste selbst. „Den“ Obdachlosen gibt es nicht. Das wird auch Lorenz Hochschorner, Bereichsleiter der Emmaus, nicht müde zu betonen. Gründe, warum ein Mensch auf der Straße landet, gibt es viele. Häufig ist es das Ende einer Beziehung oder Kündigung. In vielen Fällen sind es psychische Erkrankungen und Sucht – nach Alkohol, Drogen, aber auch Substanzunabhängigem wie Computer- – oder in Andreas‘ Fall – Glücksspiel.

In der Corona-Zeit hat sich für sie vieles verändert. In Einrichtungen wie am Kalvarienberg dürfen sich Gruppen nicht zu sehr durchmischen. Ein Zimmer ist dort der einzige Ort, an dem Wohnungslose in St. Pölten ihre Quarantäne verbringen können.

Weil sich im öffentlichen Raum weniger Menschen aufhalten sollen, wurden die Öffnungszeiten des Tageszentrums angepasst. Die Menschen können nun gleich kommen, nachdem die Notschlafstellen in der Früh schließen. „Das ist das einzige Positive an Corona“, meint ein 30-Jähriger, der wegen seiner Drogensucht seit zehn Jahren bei Emmaus ein- und ausgeht.

Sonst hat das Virus nicht nur dafür gesorgt, dass die Wartezeiten für ohnehin schon rare Therapie-Plätze noch länger geworden sind. Für jene Gäste, bei denen der Weg zurück über einen Job in eine eigene Wohnung führen soll, hat die Pandemie die Aussichten noch schlechter gemacht. In einer Zeit, in der viele Menschen „in der Mitte der Gesellschaft“ kämpfen, werden jene, die zuvor schon am Rand standen, noch ein Stück weiter nach außen gedrängt.

Die Schicksale, mit denen Andreas, andere Ehrenamtliche und Betreuer Tag für Tag konfrontiert ist, sind hart. Als Belastung empfindet er seine Tätigkeit aber nicht. „Es geht mir eher gut dabei, weil ich weiß, dass ich etwas tun und jemandem helfen kann.“ Gleichzeitig hilft ihm die Hilfe Struktur in seinem Leben zu erhalten, in das er mithilfe einer Therapie und Sparen während seiner Emmaus-Zeit zurückgefunden hat.

Andreas radelt am Abend wieder durch die Unterführung beim Kalvarienberg. Die Gäste des Tageszentrums machen sich auf den Weg in die Notschlafstelle. Für ihn geht es in sein eigenes Zuhause. Andreas hat das Ziel erreicht, von dem viele hier träumen, das die Betreuer allen wünschen, das Corona noch schwieriger gemacht hat.

*Name von der Redaktion geändert.