Michaela Kardeis: "Brauchen adäquate Mittel!". Michaela Kardeis ist erste Generaldirektorin für die öffentliche Sicherheit. Wie es ist, erste Frau im Job zu sein, weiß sie.

Von Eva Hinterer und Gila Wohlmann. Erstellt am 12. Dezember 2017 (02:58)
Gila Wohlmann
Michaela Kardeis

„Ich lerne leicht“, sagt Michaela Kardeis. Mit 22 hat sie sich als fertige Juristin bei der Polizei beworben, weil der Beruf ein Kindheitstraum war. Wegen eines Aufnahmestopps wurde daraus vorerst nichts. Also schrieb sie eine Dissertation zum Thema „Hausdurchsuchungen“. Drei Semester später war es so weit: Ausgestattet mit Doktortitel ging’s ab zur Polizei. Mit 45 ist Kardeis oberste Polizistin der Republik. Ein Grund zum Reden.

NÖN: Frau Generaldirektorin, Sie sind die erste Frau in diesem Amt, werden Sie akzeptiert?
Michaela Kardeis: Ich bin ja zum dritten Mal die erste Frau in einem Amt. 2001 als erste Polizeidirektorin in der Bundespolizei Schwechat, dann als Leiterin der Präsidialabteilung der Bundespolizeidirektion Wien und eben jetzt. Bei der Polizei gibt es Frauen in allen Bereichen, alle müssen ihre Leistung bringen, die Akzeptanz ist kein Problem.

Ihr Führungsstil?
Kardeis: Sich Sachverhalte ansehen, eine Meinung bilden und Entscheidungen erklären. Außer im Einsatz, da kann man nicht diskutieren, da gibt es einen Befehl, und der wird ausgeführt.

Sie treten Ihr Amt in einer Phase großer Bedrohungen an, wie legen Sie das an?
Kardeis: Der Terror war in Europa noch nie so nahe, auch die Anschlagsformen verändern sich: mit dem Flugzeug wie bei 9/11, dem Auto, einem Messer, begangen von Einzeltätern oder gut organisierten Gruppen. Das heißt für die Polizei neben dem regelmäßigen Beüben verschiedener Szenarien, dass sie ihre Zusammenarbeit ausdehnen muss. Mit Behörden, Organisationen und NGOs arbeiten wir schon lange zusammen, aber auch mit einer Stadtverwaltung, wenn es um Sicherheit etwa bei Veranstaltungen wie z. B. Ad-ventmärkten geht. Oder der Justiz und der Jugendwohlfahrt, wenn es um radikalisierte Jugendliche geht. Unsere Partnerschaften gehen immer weiter hinaus.

Im Rahmen der Aktion „Gemeinsam.Sicher.Österreich“ gibt es auch Partnerschaft mit den Bürgern. Wie eng kann die sein? Wird da vernadert?
Kardeis: Die Bürgerinnen und Bürger einbinden ist das Ziel einer bürgernahen Polizei. Alleine schon durch die Mitwirkung in einem Sicherheitsforum werden Unsicherheiten und Ängste abgebaut. Wer glaubt, es geht um vernadern, hat die Idee von Gemeinsam Sicher – als gelebte Partizipation – nicht verstanden. Wir wollen keine Hilfssheriffs schaffen, sondern in Kooperation mit Einzelpersonen genauso wie mit Institutionen und Organisationen Sicherheitsanliegen lösen und im jeweiligen Zuständigkeitsbereich umsetzen. Denn es gibt immer mehr Themen, für die die Polizei nicht alleine zuständig ist.

Die Polizei möchte endverschlüsselte Nachrichten wie von WhatsApp mitlesen dürfen. Viele Täter kommunizieren so. Ist das angemessen in einem freien Land?
Kardeis: Die Polizei braucht die jeweils adäquaten Mittel, die aktuellen Formen von Kriminalität und Terrorismus wirkungsvoll bekämpfen zu können. Wir dürfen in konkreten Anlassfällen den Nachrichtenverkehr überwachen, Briefe öffnen, Telefone abhören, E-Mails lesen. Und jetzt brauchen wir Methoden, um bei modernen Kommunikationsformen nicht einen Schritt hinterher zu sein. Für die Polizei gilt grundsätzlich: so viel wie nötig und so wenig wie möglich und es gibt durch die vorgesehene Einbindung von Staatsanwalt oder Rechtsschutzbeauftragten immer einen Rechtsschutz. Wenn Sie mit einer Freundin auf WhatsApp Termine vereinbaren, ist das polizeilich natürlich nicht relevant, es geht um Gefahrenabwehr oder Strafverfolgung.

Die Polizei sucht dringend Nachwuchs. Erfolgreich?
Kardeis: Ja, wir suchen, suchen, suchen! Wir überlegen, diese Suche von den klassischen Varianten auszudehnen auf soziale Netzwerke und passende Events. Und sowohl die Vielfalt als auch das realistische Bild unserer Polizei herzuzeigen: Wir haben Hubschrauberpiloten, hoch spezialisierte Kriminalbeamte – aber ein Herzstück der Polizei ist der Polizeidienst auf der Straße!

Niederösterreich ist das größte Bundesland. Gibt es da – außer in Wien – auch die meisten Probleme?
Kardeis: Nein, die Fläche sagt nichts über das Ausmaß an Kriminalität aus. Natürlich hat Niederösterreich Besonderheiten: kritische Infrastruktur, den Flughafen, Grenzen ins benachbarte Ausland und den Speckgürtel rund um Wien. Aber mit meinem Vorgänger Konrad Kogler und seinem Team ist das Land in besten Händen.