Bande verübte Pkw-Diebstähle mit 1,2 Millionen Euro Schaden

Erstellt am 29. März 2022 | 12:05
Lesezeit: 6 Min
In Tulln, St. Pölten-Land, Korneuburg, Baden und Mödling wurden Autos gestohlen. Den Dieben wurde das Handwerk gelegt.
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Ermittler des Landeskriminalamtes Niederösterreich haben einer polnischen Tätergruppe das Handwerk gelegt, der Diebstähle hochpreisiger Pkw mit einem Gesamtschaden von 1,2 Millionen Euro zur Last gelegt werden. 

Sieben Beschuldigte sind in Haft, zwei weitere werden nach Angaben vom Dienstag mit europäischen Haftbefehlen gesucht. Ein zehnter Verdächtiger ist auf freiem Fuß. Fünf Autos im Wert von 380.000 Euro wurden sichergestellt.

Es sei "ein großer Schlag gegen die Organisierte Kriminalität" gelungen, sagte Landespolizeidirektor Franz Popp in einem Pressegespräch. Die polnische Bande sei in internationaler Kooperation ausgehoben worden. Popp strich dabei auch die Zusammenarbeit mit der Justiz heraus. Es seien Verfahren wegen gewerbsmäßigen schweren Diebstahls durch Einbruch im Rahmen einer kriminellen Vereinigung anhängig, erläuterte Leopold Bien, Erster Staatsanwalt in St. Pölten.

Der Strafrahmen betrage bis zu zehn Jahre. Zwei Beschuldigte seien bereits zur Anklage gebracht. Die Mitglieder der Bande stammten überwiegend aus dem Raum Gdansk (Danzig) im Norden Polens, sagte Johann Götz, stellvertretender Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich.

Schutz gegen "Funkstrecken-Verlängerer"

Die Diebstähle waren von Anfang Juli bis Ende Oktober vergangenen Jahrs verübt worden. Die Polizei berichtete von 15 vollendeten Taten und einem Versuch in den Bezirken Tulln, St. Pölten-Land, Korneuburg, Baden und Mödling sowie in Wien. Die bis dato letzte Festnahme in dem Fall erfolgte erst am Montag vergangener Woche. Drei gestohlene Autos wurden noch in Österreich sichergestellt, in Tschechien und Polen wurde je ein weiterer Pkw aufgefunden. Abgesehen hatte es die Bande insbesondere auf Fahrzeuge der Marken Mercedes, Porsche und BMW.

Sämtliche in Niederösterreich gestohlene Autos waren laut Götz mit dem Keyless-Go-System ausgestattet, PS-stark und hatten großteils einen Zeitwert um die 100.000 Euro. Das Signal der Schlüssel, die sich zu den Diebstahlszeitpunkten zumeist in den Vorräumen der Wohnhäuser der Opfer befanden, wurde mit sogenannten Funkstrecken-Verlängerern abgefangen und zu den Fahrzeugen weitergeleitet, so dass sich diese entsperrten und mittels Startknopf in Betrieb nehmen ließen. Funkstrecken-Verlängerer sind elektronische Spezialgeräte, kosten bis zu 35.000 Euro und dienen Götz zufolge ausschließlich zur Begehung von Kfz-Diebstählen.

Es gibt allerdings Mittel zum Selbstschutz, so Götz. Einerseits gibt es bereits Behältnisse für Funkschlüssel, die das Signal abfangen. Eine andere Option ist auch den Autoschlüssel nicht im Schlüsselkasten neben der Haustür, sondern tiefer im Haus aufzubewahren. So können Funkstrecken-Verlängerer den Schlüssel nicht erreichen.

Nur Schuss auf Reifen verhinderte Flucht

Eine von den Ermittlern eingeleitete Schwerpunktaktion im grenznahen Gebiet zu Tschechien verlief erfolgreich. In den frühen Morgenstunden des 5. August vergangenen Jahres wurde in Laa a.d. Thaya (Bezirk Mistelbach) der Lenker eines Fahrzeuges mit polnischem Kennzeichen angehalten werden, der sich als Vorausfahrer der Bande entpuppte.

Er sollte die Grenze in Bezug auf Polizeikontrollen auskundschaften. Im Auto des polnischen Staatsbürgers wurden zwei sogenannte Jammer sichergestellt. Diese Sender dienen dazu, um ein mögliches Ortungssignal von gestohlenen Fahrzeugen zu stören bzw. die Feststellung des aktuellen Standortes zu unterbinden. Sie kosten laut Polizei mehrere hundert bis Tausende Euro.

Ebenfalls in den Morgenstunden des 5. August ignorierte in Kleinhaugsdorf (Bezirk Hollabrunn) der Lenker eines mit polnischem Kennzeichen versehenen Porsche Cayenne die Anhaltezeichen von Polizeibeamten und wollte über die Grenze, die bereits in Sichtweite war, nach Tschechien flüchten. Das wurde durch die Abgabe eines Schusses auf den Hinterreifen verhindert.

In dem zuvor in Guntramsdorf (Bezirk Mödling) gestohlenen Fahrzeug befand sich ebenfalls ein Störsender. Die polnische Kennzeichentafeln waren Totalfälschungen. Der Lenker wurde ebenso festgenommen wie jener des Vorausfahrzeuges in Laa a.d. Thaya. Die beiden polnischen Staatsbürger sind in Wien in Haft.

In der Nacht auf 5. August waren im Bezirk Mödling, unweit des Tatortes des Porsche-Diebstahls, zwei weitere Fahrzeuge der Marken Mercedes und Land Rover gestohlen worden. Zweitgenannter Wagen wurde bei einer internationalen Fahndung in Tschechien von Polizeibeamten wahrgenommen. Dem Lenker gelang jedoch auf laut den Ermittlern waghalsige Weise "mit einer Geschwindigkeit von weit über 200 km/h auf regennasser Fahrbahn" die Flucht. Der Land Rover wurde bisher nicht gefunden. Der Mercedes indes wurde einige Tage später in Polen sichergestellt und nach Österreich zurückgebracht.

Polizeiauto wurde bei Flucht gerammt

Spektakulär ging es in den frühen Morgenstunden des 14. September zu, nachdem im Bezirk Korneuburg der Besitzer den Diebstahl seines Porsche Cayenne V8 wahrgenommen und Anzeige erstattet hatte. Das Auto, auf das inzwischen polnische Kennzeichentafeln montiert waren, wurde in Fahrtrichtung Laa an der Thaya entdeckt und in der Grenzstadt mit einem Streifenwagen eine Straßensperre errichtet. Der Lenker des gestohlenen Pkw rammte das Polizeiauto und fuhr weiter. Der Porsche wurde letztlich in Neuruppersdorf (Bezirk Mistelbach) sichergestellt. Die polnischen Kennzeichentafeln waren Totalfälschungen. Der Schaden am gestohlenen Fahrzeug wurde mit 24.000 Euro beziffert, jener am Dienstwagen mit 6.500 Euro. Verletzt wurde niemand.

An der Grenze zu Tschechien wurden in der Folge weitere Schwerpunktaktionen unter Einbindung von Beamten des Bundeskriminalamtes, des EKO Cobra, der Flugeinsatzstelle Meidling, der Landeskriminalämter Niederösterreich und Wien, mehrerer Diensthundestreifen sowie der örtlichen Polizeidienststellen durchgeführt. Ende Oktober schlugen die Fahnder neuerlich zu.

Am 28. des Monats in den frühen Morgenstunden wurde ein Mercedes mit einem polnischen Staatsbürger am Steuer angehalten. Das hochpreisige Auto war kurz zuvor in Tulln gestohlen, das Siedlungsgebiet in der vorangegangenen Nacht ausgekundschaftet worden. Der Lenker wurde festgenommen. Auf tschechischem Gebiet angehalten wurde ein Mann, der mit einem Auto die Grenze hinsichtlich polizeilicher Kontrollen "observiert" hatte. Er wurde den Behörden des Nachbarlandes übergeben.

Drei weitere Beschuldigte, die im Raum Tulln unterwegs waren, wurden ebenfalls festgenommen. Bei der Durchsuchung ihres Wagens wurden ein Funkstrecken-Verlängerer "auf dem neuesten Stand der Technik" und mehrere Paar gefälschte polnische Kennzeichen sichergestellt.

Die vier in jener Oktobernacht hierzulande gefassten Beschuldigten wurden über Anordnung der Staatsanwaltschaft in die Justizanstalt St. Pölten eingeliefert. Der in Tschechien festgenommene Mann wurde mittlerweile nach Österreich ausgeliefert. Er sitzt ebenfalls in der Landeshauptstadt ein.