Harald Sörös: „Hatte 100 Anrufe in Abwesenheit“. Der Kaumberger Harald Sörös war als Sprecher des Innenministeriums das „Gesicht“ des 2. Novembers.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 11. November 2020 (03:48)
Der Kaumberger Harald Sörös stand nach dem Terrorabend im medialen Rampenlicht.
BMI/Tuma

NÖN: Die letzten Tage waren für Sie als Pressesprecher des Innenministeriums (BMI) sehr herausfordernd: Wie haben Sie den Abend des Terrorakts erlebt?

Harald Sörös: Es war wenige Minuten nach 20 Uhr, als ich von einem Einsatz über mögliche Schüsse in der Wiener Innenstadt erfahren habe. Ich war schon zu Hause in Kaumberg. In meinem Job muss ich aber ohnehin so gut wie immer erreichbar sein. Sofort nach der ersten Info habe ich die Einsatzlage telefonisch abgeklärt. Es hat sich schnell herausgestellt: Die Situation ist sehr ernst. Ich habe mich sofort mit meinem BMI-Sprecher-Kollegen Patrick Maierhofer, den Kollegen der Öffentlichkeitsarbeit im BMI sowie mit der Pressestelle der Landespolizeidirektion Wien abgesprochen. Schon während der Fahrt nach Wien versuchten dutzende Journalisten, mich zu erreichen. Diese Anrufe habe ich aber absichtlich nicht angenommen. Ich hatte ja noch keine gesicherten Informationen.

In Wien angekommen: Wie haben Sie den medialen Ansturm erlebt?

Sörös: Die Situation bei Großeinsätzen ist in der Anfangsphase oft sehr unübersichtlich. Das, was ich an diesem Abend erlebt habe, war aber in jeder Hinsicht unfassbar. Es gab eine enorme Informationsflut – hunderte Notrufe mit weiteren Infos zu Tatorten, Anrufe von Augenzeugen, von Betroffenen, und Funksprüche von Kollegen am Einsatzort. Bei allen Pressesprechern der Wiener Polizei haben die Handys durchgeläutet. Ich hatte bereits nach kurzer Zeit über 100 Anrufe in Abwesenheit. Das Wichtigste als Pressesprecher ist es aber, Fakten abzuklären. Schließlich muss man ja sachlich informieren. Vor allem die ersten Interviews entscheiden darüber, ob man für die nötige Beruhigung sorgen kann.

Kranzniederlegung am 3. November im Bereich des Tatorts des Terroranschlags in Wien. Ab Abend zuvor hatte ein radikalisierter Attentäter vier Menschen getötet. Der 21-jährige Täter wurde erschossen.
APA/Hans Punz

Das Social-Media-Team hat via Twitter informiert, wir Pressesprecher haben gemeinsam das „Wording“ für mein Interview vorbereitet. Ich hatte nur wenige Minuten Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, was ich gefragt werden könnte und was ich antworten würde. Dann hat auch schon der Live-Einstieg in die Sonder-Zeit-im-Bild begonnen.

War das Ihr herausforderndster Einsatz als BMI-Sprecher?

Sörös: Ja. Die Anfragen-Flut war unbeschreiblich. Insgesamt waren wir sicher 30 Kolleginnen und Kollegen, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig waren. Ich denke, es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn ich von tausenden Medienanfragen spreche, die uns in den letzten Tagen erreicht haben. Ich hatte etwa 50 Fernseh- und Radio-Interviews. Auch das internationale Interesse war enorm. Die ersten cirka 30 Stunden nach dem Anschlag ist es im Minutentakt durchgegangen. Vorrangig in so einem Fall ist es, schnell, vor allem aber nur Gesichertes zu veröffentlichen. Menschen haben in so einer Situation einen extrem erhöhten Informationsbedarf. Diesen müssen wir bedienen, um ihnen Ängste zu nehmen. Wir müssen den Bürgern das Gefühl geben, dass wir da sind; dass wir das Möglichste tun, um die Situation in den Griff zu bekommen.

Probt das Presseteam solche Szenarien?

Sörös: Natürlich. Als ich noch Pressesprecher der Wiener Polizei war, übten wir verschiedenste Szenarien. Wie spielten alles möglichst realitätsnah durch und evaluierten das im Anschluss. Natürlich kann man den Ernstfall aber nie exakt so üben, wie er dann tatsächlich eintritt. Da gibt es immer wieder Wendungen, permanente Entwicklungen und neue Erkenntnisse. Auf diese muss man spontan und passend reagieren.

2016 hat das BMI den damaligen Münchner Polizei-Pressesprecher Marcus da Gloria Martins eingeladen. Er hat nach dem Terroranschlag am 22. Juli 2016 äußerst erfolgreich, vor allem via Social Media, kommuniziert. Haben Sie die Münchner-Pressestrategie hier als Vorbild nutzen können?

Sörös: Wir nutzen da eigentlich verschiedene Kanäle. Diverse Messenger-Dienste sind da oft ein geeignetes Mittel, um sich gegenseitig am Laufenden zu halten. Aber auch der direkte Draht zum Einsatzstab ist wichtig, um mit aktuellen Informationen versorgt zu werden. Gute interne Kommunikation ist essenziell, um professionell nach außen auftreten zu können.

Das Motto lautet also „Nur gemeinsam schaffen wir es“?

Sörös: Ja. Die gute Kommunikation wäre ohne die Zusammenarbeit mit den Kollegen, insbesondere aber ohne Patrick Maierhofer, in dieser Form nicht möglich gewesen. Patrick hat für mich alle Interviews koordiniert. Er hat mich bei Wordings und Recherchen unterstützt und die meisten der hunderten Anfrage-Mails abgearbeitet. Besonders bei derartigen Sonderlagen gilt aber immer das „One-Message-Prinzip“. Dieses sieht vor, dass nur ein Pressesprecher die öffentlichen Statements abgibt. Oberstes Ziel ist es, klare und einheitliche Botschaften zu vermitteln. Diese sollen immer mit den Social-Media-Aktivitäten im Einklang stehen. Erfahrungswerte zeigen, dass diese Form der Krisenkommunikation die beste Wirkung erzielt.