Ist die Impfpflicht als letzter Ausweg gerechtfertigt?

Der Bund will ab 1. Februar 2022 eine allgemeine Corona-Impfpflicht einführen. Ungeimpften drohen Strafen. Wie denkt ihr darüber? Stimmt ab!

Erstellt am 09. Dezember 2021 | 05:51
Lesezeit: 4 Min

Pro: Norbert Nowotny, Univ.-Prof. für Virologie an der Vetmeduni Wien aus Tulln

Norbert Nowotny
Norbert Nowotny
Foto: privat

Bis auf wenige, immunologisch begründete Ausnahmen schützt die Coronavirus-Impfung gegen einen schweren Krankheitsverlauf und verhindert damit eine Überlastung des Gesundheitssystems, insbesondere der Intensivstationen. Infiziert sich ein Geimpfter, so scheidet er - wenn überhaupt - deutlich weniger Viren für einen wesentlich kürzeren Zeitraum aus als ein Ungeimpfter. Eine Impfung reduziert somit die Viruszirkulation in der Bevölkerung.

Die Bundesregierung hat seit über einem Jahr versucht, die Bevölkerung von den Vorteilen der Impfung zu überzeugen. Leider ist die Durchimpfungsrate trotzdem noch zu niedrig, um eine Überlastung des Gesundheitssystems mittel- und langfristig zu verhindern. Zudem sind jene, die sich nicht impfen lassen können, auf eine hohe Durchimpfungsrate der restlichen Bevölkerung angewiesen. Eine Impfpflicht ist deswegen gerechtfertigt.

Kontra: Martin Sprenger, Arzt und Gesundheitswissenschaftler in Graz

Martin Sprenger
Martin Sprenger
Foto: C. Jungwirth

Eine allgemeine Impfpflicht braucht klare Ziele. Wenn das Ziel der Infektionsschutz ist, dann braucht es valide Daten, in welchem Ausmaß und wie lange die Impfung die Übertragung reduziert. Die WHO geht aktuell von minus 40 Prozent aus.

Wenn das Ziel der Systemschutz ist, dann braucht es hohe Impfquoten in den Risikogruppen. Eine Impfpflicht ist dazu deutlich weniger geeignet als proaktive Zugänge über Vertrauensärzte und -personen. Bei jeder Intervention müssen auch die unerwünschten Nebenwirkungen beachtet werden. Der Vertrauensverlust in Behörden und Regierung, aber auch in andere Impfungen, die Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt, den Arbeitsmarkt, etc. kann den Nutzen einer Impfpflicht rasch ins Gegenteil verkehren.

Bleibt zum Schluss die Frage, ob eine Impfpflicht am Ende des Winters generell eine schlaue Entscheidung ist.

Wann würde ich einer allgemeinen Impfpflicht zustimmen? Das betreffende Virus kennt so wie das echte Pockenvirus nur den Menschen als Wirt. Es mutiert nicht. Die durch das Virus ausgelöste Erkrankung ist nicht nur für klar abgrenzbare Gruppen, sondern für die gesamte Bevölkerung ein relevantes Gesundheitsrisiko und damit auch eine Bedrohung für das Versorgungssystem. Die Impfung muss erwiesenermaßen sicher sein und die Wahrscheinlichkeit von schweren Krankheitsverläufen über einen Zeitraum von sechs Monaten um mindestens 50 Prozent reduzieren. Zusätzlich muss die Impfung das Ansteckungsrisiko um über 90 Prozent reduzieren. Die Entscheidungsgrundlagen für die Impfpflicht muss der Bevölkerung transparent, verständlich und korrekt kommuniziert werden. Inklusive der Information, unter welchen Voraussetzungen sie wieder aufgehoben wird.

Pro: Christoph Reiner, Präsident der NÖ Ärztekammer

Christoph Reiner, Präsident der NÖ Ärztekammer
Christoph Reiner, Präsident der NÖ Ärztekammer
Foto: Raimo Rudi Rumpler

Die NÖ Ärztekammer hat sich bereits vor Wochen für eine generelle Impfpflicht ausgesprochen. Insbesondere im Pflege- und Gesundheitsbereich, bei Pädagogen sowie der Polizei würde ich mir die Impfpflicht sofort wünschen. Aufgrund von Vorlaufzeiten wird sie jedoch zeitgleich mit der allgemeinen Pflicht im Februar kommen. Sollte der erste Totimpfstoff in Österreich in Kürze zugelassen werden, würde dies sicherlich einige Menschen zum Impfen bringen, die derzeit noch zögern. Letzte Woche hatten mehr als sechs Millionen Menschen in Österreich ein gültiges Impfzertifikat, die Zahl müssen wir noch deutlich steigern.

Die Impfpflicht ist unbedingt notwendig und längst fällig, weil der Schutz vor einer Infektion nachlässt. Wir haben am Beispiel Israels gesehen, wie man eine Welle durch eine rasche Auffrischungsimpfung zurückdrängen kann. Wir müssen jedenfalls verhindern, dass wichtige Operationen in den Spitälern aufgeschoben werden, nur weil ungeimpfte Menschen schwer an COVID-19 erkranken und Spitalsbetten blockieren.

Kontra: Stefan Danzinger, Rechtsanwalt

Pro & Kontra - Ist die Impfpflicht als letzter Ausweg gerechtfertigt?
Anwalt Stefan Danzinger
Foto: zVg

Das Recht der freien Entscheidung (auch in medizinischen Belangen) ist in Österreich grundrechtlich mehrfach abgesichert. Die Einschränkung der Selbstbestimmung darf immer nur die ultima ratio – sprich das letzte mögliche Mittel zur Erreichung des angestrebten Zweckes - sein. Je schlimmer eine Krankheit ist, umso eher wäre daher ein Eingriff gerechtfertigt, allerdings auch nur dann, wenn es keine gelinderen Mittel gäbe, der Krankheit Einhalt zu gebieten (Verhältnismäßigkeit!). Die Politik macht es sich hier mit der Einführung einer Impfpflicht als alleiniges Allheilmittel (Stichwort Gamechanger) zu einfach.

Der Blick in andere Länder mit höherer Impfquote als Österreich lässt ebenfalls Zweifel aufkommen, ob mit einer höheren Durchimpfungsrate der angestrebte Zweck  überhaupt zu erreichen ist. Mit rund 88 % vollständiger Durchimpfung ist die Impfquote in Portugal so hoch wie sonst kaum in Europa, dort wurde aktuell aufgrund steigender Infektionszahlen jedoch erneut der Notstand ausrufen und strengere Maßnahmen eingeführt.

Mit einer Impfpflicht ist daher (mangels steriler Immunität) weder der beabsichtigte Zweck zu erreichen, noch ist dies die ultima ratio im Kampf gegen Corona.

Langversion des Statements: https://www.sd-rechtsanwalt.at/noen-artikel-corona-impfpflicht/

Pro & Kontra: Impfpflicht

  • Ist die Impfpflicht als letzter Ausweg gerechtfertigt?