„Lebensbornheim Wienerwald“: Zeitzeugen gesucht. Im südlichen NÖ wurden zwischen 1939 und 1945 rund 1.300 „arische“ Kinder geboren. Das Ludwig Boltzmann Institut erforscht nun ihre Geschichte.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 04. November 2020 (05:45)
Das Entbindungsheim zur Zeit des 2. Weltkrieges.
privat/Helga S., Wien

„Wir bekommen bereits Rückmeldungen“, freut sich Projekt-Koordinator Lukas Schretter: Seit Jahresbeginn und noch bis Ende 2021 wird ein vom Jubiläumsfonds der Nationalbank und dem Land NÖ gefördertes Projekt sich mit der Suche nach Zeitzeugen des Nazi-Entbindungsheimes „Lebensbornheim Wienerwald“ befassen.

Das Heim, heute eine verfallende Geistervilla, steht in Feichtenbach bei Pernitz im Bezirk Wiener Neustadt Land. 1904 war es von zwei jüdischen Ärzten als Lungenheilanstalt unter dem Namen „Sanatorium Wienerwald“ gegründet worden, sein guter Ruf ging weit über die Grenzen der Region hinaus. Bis 1938 die Nazis kamen, das Heim arisierten und daraus eine Entbindungsanstalt machten.

Barbara Stelzl-Marx, Wissenschafterin des Jahres 2019, leitet das Projekt.
Furgler

„Heim Ostmark“ hieß das Gebäude kurzfristig, ehe es zum „Lebensbornheim Wienerwald“ wurde. „Frauen, die den Ansprüchen des NS-Regimes entsprachen, sollten dort Kinder auf die Welt bringen und nicht abtreiben“, sagt Projektleiterin Barbara Stelzl-Marx über die Intention der Betreiber. „Die Frauen mussten in einer medizinischen Untersuchung als gesund bewertet werden und einen Ariernachweis erbringen“, ergänzt Schretter. Dasselbe galt auch für die Väter.

Kurz: Die Eltern der Kinder mussten den „Auslesekriterien“ der SS entsprechen. Denn Ziel war es, die Geburten „arischer“ Kinder zu fördern. Rund 1.300 Kinder sollen in dem Heim zwischen 1938 und 1945 geboren worden sein. Viel weiß man nicht über sie, das soll sich im Rahmen des Forschungsprojektes des Ludwig Boltzmann Institutes für Kriegsfolgenforschung jetzt ändern.

Geburt im Heim als Privileg für Frauen

„Viele Frauen haben es als Privileg wahrgenommen, in ruhiger Umgebung unter guter medizinischer Versorgung ein Kind zur Welt zu bringen“, sagt Schretter. Die Qualität der Versorgung sei 1938/39 noch sehr gut gewesen, wurde aber im Laufe des Krieges schlechter, weiß Schretter. Auch unverheiratete Frauen konnten im Heim entbinden, auf Wunsch blieb das anonym. Die ledigen Mütter konnten ihre Säuglinge sogar eine Zeit lang in der Obhut des Heimes lassen, um arbeiten zu gehen. Oder sie zur Adoption freigeben; in dem Fall wurden die Kinder regimetreuen Paaren überantwortet.

Eine Gruppe von Müttern, Kindern und Betreuerinnen.
privat/Helga S., Wien

Der Verein Lebensborn, der das Haus betrieb, hatte seinen Sitz anfänglich in Berlin, später in München. Um dieses Nachwuchsprogramm möglichst geheim zu halten, „baute Lebensborn eine Parallelstruktur mit eigenem Meldeamt und eigenem Standesamt auf, sonst hätten Geburten dem heimischen Standesamt der Mütter gemeldet werden müssen.“

Die meisten Unterlagen zu Eltern und Kindern wurden nach Kriegsende vernichtet. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden nun Personen gesucht, die dort geboren wurden, und es werden Informationen über das Heimpersonal gesucht. „Ein vertraulicher Umgang mit den Lebensgeschichten ist klar“, sichert Schretter, wenn gewünscht, Anonymität zu.