„Respekt dem Täter, nicht der Tat“. Von G. Wohlmann und E. Hinterer

Erstellt am 01. September 2013 (17:14)
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Von G. Wohlmann und E. Hinterer

Gerasdorf/Steinfelde: Fleißig mäht ein junger Mann den Rasen, nicht weit entfernt schrauben zwei Nachwuchsmechaniker an einem Auto. Die Bäcker haben ihren Tagesdienst vollendet, aus dem nahe gelegenen Friseurladen kommt Gelächter.

Lehrwerkstätten, jedoch hinter Gittern – in der Justizanstalt Gerasdorf – Österreichs einzigem Gefängnis für männliche jugendliche Straftäter.
Anstaltsleiterin ist Margitta Neuberger-Essenther, die „Chefin“, wie alle zu ihr sagen. Psychologin von Beruf. Jahrelange Erfahrung im Umgang mit jungen Kriminellen durch ihre Tätigkeit bei der Jugendgerichtshilfe und als Leiterin der Justizanstalt Simmering.

Donnerstags kommen die neuen Insassen ins Haus. Die Jüngsten sind erst 14 Jahre, gerade eben strafmündig, die ältesten maximal 27.

Freitags ist für jeden Neuankömmling Zugangsgespräch mit dem Team – bestehend aus Anstaltsleiterin, Justizwachekommandant, Abteilungsbeamten, Psychologen, Ausbildnern und Sozialpädagogen. Margitta Neuberger-Essenter führt dieses Gespräch ebenso wie jenes bei der Entlassung grundsätzlich selbst.

„Viele erleben hier erstmals Strukturen“

„Da checke ich ab, wo kommt er her, wie hat sein Leben in letzter Zeit ausgesehen, welche Fähigkeiten hat er beziehungsweise welche Ausbildung hat er genossen oder zumindest begonnen.“ Nach dieser Kurz anam nese erfährt der Insasse, wie sein Leben in Gerasdorf aussehen wird. Kein Alkohol. Keine Drogen. Raufereien werden angezeigt. Rauchen erlaubt. „Viele erleben hier überhaupt zum ersten Mal einen strukturierten Tagesablauf“, sagt Neuberger-Essenther. Frühstück, ab zur Lehrwerkstätte - hier gibt es Vollbeschäftigung -, Mittagessen, kurze Freizeit mit Sport, Abendessen, um 18 Uhr werden die Zellentüren verriegelt. „Viel zu früh für die Jugendlichen“, ist die Psychologin überzeugt, dass spätere Einschlusszeiten der psychischen Genesung zuträglicher sein würden.

Sie selbst hält das Einsperren nicht für den besten Weg zur Bewährung, sondern plädiert für betreute Wohneinrichtungen nach Schweizer Vorbild. „Wir müssen sehr viel Beziehungsarbeit leisten“, sagt sie und erwähnt, dass es sich bei ihren Insassen selten um wohlstandsverwahrloste Kinder, sondern zumeist um junge Menschen mit schweren Persönlichkeitsirritierungen handelt, nicht selten hervorgerufen durch schwere Traumata wie jahrelangen Missbrauch oder ein fehlendes Familiengefüge. Einige sind sogar Analphabeten. „Ich respektiere den Täter, aber nicht seine Tat, das sage ich auch jedem“, sagt die Anstaltsleiterin.

Weihnachtsfeiern besonders beliebt

Manche lernen erst in Gerasdorf Dinge des alltäglichen Lebens, etwa, wie man Essbesteck benutzt, wie man sich Geld einteilt oder dass man sich auch gesund ernähren kann. Auch gesellschaftliche Gepflogenheiten und ein Hauch von Familienleben werden vermittelt. Ein Mal im Monat gibt es eine Geburtstagsfeier für alle. Besonders beliebt: die Weihnachtsfeier. Insassen verschiedenster Glaubensrichtungen beten gemeinsam – konfliktfrei.

Die Justizanstalt Gerasdorf hat mehrere Jugendliche im Maßnahmenvollzug, also geistig abnorm, aber zurechnungsfähig. Psychische Erkrankungen, Drogenkonsum oder jahrelang aufgestaute Aggressionen haben sie zu Straftätern werden lassen. Manchmal geht Neuberger-Essenther in die Besucher-Räume. Wenn sie manche Eltern sehe, sagt sie, sei ihr meist alles klar.