Alpineinsätze: Retten hat Grenzen . Alpineinsätze sind nicht unter allen Umständen möglich. Sorglose werden zur Kasse gebeten.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 03. Dezember 2019 (01:39)

„Wenn ich nicht mehr weiter kann, ruf’ ich halt den Heli an!“ Ein Spruch, der bei Alpinsportlern im Trend ist?

Ein Vorfall aus dem oberösterreichischen Salzkammergut scheint das zu untermauern: Stundenlang waren Helfer bei einer Rettungsaktion nach einem Bergsteigerduo im Einsatz. Die beiden hatten den Notruf gewählt, nachdem sie nicht mehr weiterkonnten. Als die Retter vor Ort waren, lehnten sie die Bergung mit dem Helikopter strikt ab und stiegen – trotz Risikos – eigenständig ins Tal.

Was in solchen Fällen bleibt, sind erschöpfte Retter und Kosten für den Einsatz.

„Eine Lebensrettung unter erheblicher Gefährdung des eigenen Lebens ist weder beruflichen noch freiwilligen Rettern zumutbar.“ Martin Gurdet, Bergrettung

Die NÖN hat sich umgehört, wie die Retter mit solchen Vorfällen umgehen und wie weit sie bereit sind, Risiko einzugehen.

Grenzen des Machbaren.

Dass Leute Hilfe verweigern, sei die Ausnahme, weiß der Bundesgeschäftsführer der Bergrettung, Martin Gurdet: „Zu bedenken ist aber, dass nicht immer und jederzeit eine Rettung möglich ist.“  Retter müssten Grenzen des Möglichen und Machbaren respektieren. Die Einsatzleiter der Bergrettung haben besondere Sorgfaltspflicht gegenüber der Mannschaft und sind geschult, um diese schwierigen Entscheidungen zu treffen. Gurdet: „Eine Lebensrettung unter erheblicher Gefährdung des eigenen Lebens ist weder beruflichen noch freiwilligen Rettern zumutbar.“ Die Entscheidung, ob und wie ein Einsatz durchgeführt wird, ist bei jedem Fall einzeln zu beurteilen. Faktoren wie Tageszeit, Witterung, Lawinensituation sind zu berücksichtigen.

Eigensicherung.

So tragisch es auch für Angehörige sei, am fünften Tag einer Verschüttung werden Retter bei riskanten Wetterverhältnissen nicht mehr das gleiche Risiko eingehen wie am ersten Tag. Das untermauert der Leiter der nö Alpinpolizei, Michael Hochgerner. Er erinnert an das Lawinenunglück von Hohenberg Anfang dieses Jahres, bei dem zwei Tourengeher bei einem Lawinenabgang ums Leben kamen. Elf Tage dauert die Suche, die immer wieder unterbrochen werden musste. Experten des Lawinenwarndienstes, Bergretter, Alpinpolizisten und das Bundesheer wurden ins Einsatzgebiet geschickt, alle Schritte im Team abgewogen. „Wir setzen alles daran, den in Not Geratenen schnell zu helfen, aber es ist Aufgabe des Einsatzleiters, das Risiko für die Suchmannschaften möglichst zu minimieren“, sagt Hochgerner.

Pilot trägt Verantwortung.

Laut Peter Weichselbaum, stellvertretender Leiter der Flugpolizei im Innenministerium, liegt die Letztverantwortung beim Flugeinsätzen immer beim Piloten, „für sich selbst und auch für den begleitenden Flight-Operator. Sicht- und Witterungsverhältnisse bestimmen, ob der Flug stattfindet oder nicht“. Eine Flugminute kostet 53 Euro. „Eine Verrechnung erfolgt aber nur bei grober Fahrlässigkeit“, erklärt Weichselbaum. Grobe Fahrlässigkeit wird im Strafgesetzbuch als „auffallende Sorglosigkeit“ definiert. Die Missachtung einer kalkulierbaren Wetterlage kann in diese Kategorie fallen.

Versicherung & Kosten.

„Wir gehen absolut kein Risiko ein“, unterstreicht Ralph Schüller von der ÖAMTC-Flugrettung. Auch hier entscheidet der Pilot in enger Absprache mit dem Notarzt und Flugretter, ob der Flug stattfindet oder nicht. Bergung bei Verkehrsunfällen ist durch die Sozialversicherung gedeckt, ausgenommen sind aber Freizeit- und Sportunfälle im alpinen Gelände. Hier greifen meist Versicherungen, die in der Fördermitgliedschaft bei der Bergrettung, in der Mitgliedschaft bei alpinen Vereinen oder in Paketen wie dem ÖAMTC-Schutzbrief integriert sind. „Viele haben so einen Versicherungsschutz dabei und wissen es nicht“, weiß Schüller. Sich damit auseinanderzusetzen, sei aber wichtig, denn eine Notarzthubschrauberbergung im Alpinbereich kostet, abhängig von der Flugzeit, rund 3.500 Euro.