Offenes Ohr im Lockdown. Gesprächspartner sind derzeit in Krisensituationen schwer zu finden.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 01. Dezember 2020 (07:20)
Zu viel Nähe durch die Ausgangsbeschränkungen, aber auch Isolation quälen viele Menschen im Lockdown. Bei der Telefonseelsorge wird ihnen zugehört. Davuja
Shutterstock.com/Davuja

„Meine Situation erscheint mir hin und wieder aussichtslos! Mein Sohn kommt mit der Ausbildung nicht voran, und mein Mann arbeitet an seiner Pensionierung. Wie es mir mit meinen Schmerzen geht und wie sehr mich schon der Haushalt anstrengt, wird von den beiden kaum wahrgenommen. In der Beratung kann ich mich jemandem anvertrauen und erhalte eine Bestätigung dafür, dass meine Empfindungen keine Spinnereien sind. So schaffe ich es doch, mich immer wieder aufzuraffen“, schreibt eine chronisch kranke Dame an die Familienberatungsstelle aufleben in Mödling.

Elisabeth Birklhuber kümmert sich.
Lisa Birklhuber

Dort finden Menschen mit Beziehungsproblemen aller Art ein offenes Ohr. Zum Beispiel das von Elisabeth Birklhuber. Und die ist derzeit stark eingesetzt. Der erste Lockdown sei noch nicht so spürbar gewesen, sagt Birklhuber, aber jetzt, im zweiten Lockdown, melden sich viele Hilfesuchende. Ihre Probleme sind karge Finanzen, Beziehungsprobleme, Homeoffice, Trennungen und auch pubertierende Kinder: „Es ist alles enger und kontrollierbarer, aber im negativen Sinn. Das betrifft Pubertierende genauso wie Paare mit Problemen“, analysiert Birklhuber.

Die Familienberatungsstelle, deren Träger die Erzdiözese Wien ist, leistet psychosoziale Beratungen. „Wir begleiten Menschen in Lebenskrisen.“

„Es ist alles enger und kontrollierbarer, aber im negativen Sinn.“ Elisabeth Birklhuber

Macht die Pandemie da im Vergleich zu normalen Zeiten einen Unterschied? „Nein“, sagt Birklhuber, „aber sie macht alles komplizierter, weil viele Ressourcen wegfallen, zum Beispiel das soziale Netzwerk in einer Trennungsphase, wo man sich sonst mit Freunden austauscht. Und auch Ablenkungen sind derzeit kaum möglich, das verschärft die Krise.“

Die Klientel bei der Familienberatung ist sehr durchwachsen: Es sind darunter alte und junge Paare aus allen sozialen Schichten und aus allen Bildungsschichten, sogar Kinder gehören dazu – sie melden sich, wenn die Eltern sich trennen wollen.

Im Zentrum der Beratungen stehen Beziehungsprobleme, familiäre Konflikte oder Probleme mit Kindern – auch dann, wenn diese Kinder bereits erwachsen sind. Zu tun gibt es aktuell einiges, laut Erzdiözese Wien ist die Nachfrage nach Telefonseelsorge seit dem ersten Lockdown im Frühjahr um rund 20 Prozent gestiegen. Neben zu großer Nähe im Lockdown ist für Alleinstehende die wachsende Einsamkeit Thema der Telefonseelsorger. So wie bei jener Frau, die aus gesundheitlichen Gründen frühpensioniert wurde und jetzt mit der Isolation zu kämpfen hat, wie Birklhuber schildert.