Jugend-Straftaten: Freiheit mit kleinen Abstrichen. Um straffälligen Jugendlichen die Haft zu ersparen, gibt es ein eigenes Konzept.

Von Gila Wohlmann und Eva Hinterer. Erstellt am 15. August 2017 (02:32)
Neustart
Die Sozialnetz-Konferenz: Alle an einen Tisch und dann wird ein engmaschiger Tagesplan für den betroffenen Straftäter erstellt.

Alle Möglichkeiten prüfen, um eine Haft für Jugendliche zu vermeiden. Das ist Ziel der Sozialnetz-Konferenzen.

Was so hochtrabend klingt, ist eigentlich recht einfach: Bei der Sozialnetz-Konferenz sitzen die straffällig gewordenen Jugendliche mit ihren engsten Bezugspersonen und einem Vertreter des Vereins „Neustart“ (siehe Infobox) an einem Tisch. Gemeinsam wird ein strukturierter Tagesplan erarbeitet, der dann dem zuständigen Gericht vorgelegt werden muss. Ist der Richter mit dem Plan einverstanden, kann der Betroffene seine Zeit bis zu einer allfälligen Gerichtsverhandlung in Freiheit verbringen.

„Das Projekt richtet sich an straffällig gewordene Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 21 Jahren, die entweder strafrechtlich verurteilt oder in Untersuchungshaft sind“, erklärt Romana Weinauer, stellvertretende Leiterin der Justizanstalt St. Pölten. Ziel des Programms ist es, den Resozialisierungsprozess zu fördern.

„Wir schauen uns das familiäre Umfeld an, ob der Jugendliche eine Lehrstelle oder sonst irgendein soziales Setting hat, das ihm einen geregelten Tagesablauf ermöglicht“, erklärt Leopold Bien von der Staatsanwaltschaft St. Pölten.

Auch in NÖ ein gängiges Modell

Die Sozialnetz-Konferenzen werden entweder als Untersuchungshaft- oder Haftentlassungskonferenzen geführt. Sie sind also für jene gedacht, die von Haft bedroht sind oder gerade daraus entlassen werden. In der Justizanstalt St. Pölten gab es im Vorjahr neun U-Haft-Konferenzen. „Sechs Jugendliche durften bis zur Verhandlung nach Hause“, sagt Vollzugsleiterin Weinauer. Heuer wurde im Bereich der U-Haft schon drei Mal eine Konferenz einberufen.

Zwei Mal tagten im Vorjahr Haftentlassungskonferenzen.

privat
Romana Weinauer, stellvertretende Leiterin der Justizanstalt St. Pölten, begrüßt Sozialnetz-Konferenzen.

Kurt Koblizek vom Verein „Neustart“ betreut straffällig gewordene Jugendliche. „Die Sozialnetz-Konferenz selbst“, sagt er, „ist ein sehr punktuelles Ereignis.“ Der Betroffene, Neustart und das engere soziale Umfeld des Betroffenen erstellen einen engmaschigen Tagesplan: Wer bringt den Betroffenen zur Arbeit oder zum Ausbildungsplatz, wer empfängt ihn dort, wann muss er wieder zu Hause sein? „Die Maßnahme ersetzt ja die Untersuchungshaft, daher sind auch die Abläufe sehr strikt geregelt“, erklärt Koblizek. Natürlich können die betroffenen Jugendlichen auch ausgehen, aber es kommt darauf an, wohin. Mit der Familie ins Kino gehen, ist kein Problem, mit alten Freunden zur feucht-fröhlichen Tequilaparty hingegen schon. „Alkohol ist verpönt“, sagt Koblizek über die Restriktionen.

Für den Fall, dass das familiäre Umfeld nicht passt, wird versucht, in einer Wohneinrichtung Platz für den Jugendlichen zu finden. Die Vorgaben müssen natürlich auch dort eingehalten werden. „Wenn jemand in dieser Zeit wieder straffällig wird, landet er gleich wieder bei uns“, sagt Vollzugsleiterin Weinauer. Sie erinnert sich an einen Fall, wo ein junger Mann in dieser Zeit ein Handy raubte und gleich wieder in U-Haft musste.