„Ein Land ohne Hauptstadt ist wie ein Gulasch ohne Saft“

Erstellt am 22. Juni 2022 | 01:22
Lesezeit: 4 Min
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Es ist geschafft! Bürgermeister Willi Gruber (links) und Landeshauptmann Siegfried Ludwig (rechts) stoßen auf die Landeshauptstadt St. Pölten an.
Foto: NLK Schleich
Warum St. Pölten im Jahr 1986 Niederösterreichs Hauptstadt wurde.
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Seit der Scheidung Niederösterreichs von Wien 1922 bis Mitte der 1980er Jahre war Niederösterreich ein Land ohne Hauptstadt. Mit einer Volksbefragung im Jahr 1986 wählte Niederösterreichs Bevölkerung das bis dahin oft belächelte St. Pölten zu seiner Hauptstadt.

Ein Rückblick: Schon in den 1920er Jahren haderten die Landesväter Niederösterreichs mit dem Fehlen einer Hauptstadt. Erste Forderungen nach einer Wiedervereinigung mit Wien wurden schon wenige Jahre nach der Trennung laut. Mit der Ausschaltung der Demokratie 1934 wurde auch die demokratisch gewählte Landesregierung Wiens abgesetzt und Wien zur „bundesunmittelbaren“ Stadt erklärt, blieb aber Sitz der niederösterreichischen Landesverwaltung.

Die Nazis machten Krems 1938 zur Hauptstadt ihres Gaues „Niederdonau“. 14 Gemeinden wurden nach Groß-Krems eingemeindet, die Stadt wurde zur Statutarstadt erhoben, einige Bauwerke wurden begonnen. Doch mit Ende der Nazi-Diktatur 1945 nahm das Kapitel „Hauptstadt Krems“ ein abruptes Ende.

Auch nach dem Krieg wurde die Landeshauptstadt-Frage immer wieder aufgeworfen. Die Stimmung in den beiden Großparteien ÖVP und SPÖ war kaum einheitlich: Vielen ÖVP-Politikern war die Hauptstadt Wien wenig angenehm und die Frage einer eigenen Landeshauptstadt wurde immer wieder diskutiert. Durchringen konnte man sich aber nur dazu, die Zentrale der landeseigenen Elektrizitätsgesellschaft „NEWAG“ über die Stadtgrenze Wiens nach Niederösterreich zu verlegen. Dort entstand in den 1960er Jahren die „Südstadt“ als eigenes niederösterreichisches Stadtprojekt.

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Stolz hilft Landeshauptmann Siegfried Ludwig bei der Montage einer neuen „St. Pölten“-Verkehrstafel an der Westautobahn.
Foto: NLK Schleich

Für die Landes-SPÖ war eine eigene Hauptstadt lange kein Thema. Die Stadt-Roten in St. Pölten waren hingegen weitblickender: Sie trafen schon Mitte der 1970er Jahre die flächenmäßigen Vorbereitungen für eine Landeshauptstadtwerdung.

Im Februar 1984 überraschte Landeshauptmann Siegfried Ludwig Parteifreunde und auch die Stadtväter St. Pöltens. Er forderte die Neuaufnahme der Diskussion um eine Hauptstadt und lieferte im Rahmen der Präsentation einen bis heute legendären Sager: „Ein Land ohne Hauptstadt ist wie ein Gulasch ohne Saft.“

Für die Entscheidung gab es gute Gründe: Die stete Abwanderung aus den Regionen in die Städte konnte seit den 1970ern nicht aufgehalten werden. Die Schaffung einer eigenen Landeshauptstadt sollte Niederösterreich wieder attraktiver machen und die Konjunktur kräftig ankurbeln. Der visionäre Landesvater Siegfried Ludwig sollte ab 1985 im neuen St. Pöltner Stadtoberhaupt Willi Gruber einen kongenialen Partner für seine Landeshauptstadtpläne finden.

Die Volksbefragung

Um möglichst breiten Rückhalt für eine neue Hauptstadt zu bekommen, wurde im April 1986 eine Volksbefragung angesetzt. Bald war klar, dass nur fünf Standorte wirklich in Frage kamen: St. Pölten, Baden, Krems, Tulln und Wiener Neustadt. Noch einmal traten regionale Interessen in den Vordergrund: Auf der „schwarzen“ Seite waren die Bürgermeister der nahe Wien gelegenen Gemeinden kaum für eine neue Hauptstadt St. Pölten zu gewinnen.

Bei den Sozialdemokraten brachten sich sowohl Wiener Neustadt als auch St. Pölten in Stellung und lieferten sich einen regelrechten Wettlauf. Auch in der niederösterreichischen Beamtenschaft, die vielfach ihren Lebensmittelpunkt in und um Wien hatte, war die Übersiedlung nach St. Pölten lange umstritten.

Regelrechte Werbekampagnen wurden organisiert: In St. Pölten bildete sich eine überparteiliche Initiative, die die Bevölkerung des Kernraums ansprechen wollte. Die Volksbefragung brachte schließlich ein eindeutiges Votum für eine Landeshauptstadt St. Pölten. In der Stadt St. Pölten selbst betrug die Zustimmung sensationelle 96 Prozent. Am 10. Juli 1986 wurde das Verfassungsgesetz über die „Errichtung der Landeshauptstadt in St. Pölten“ beschlossen.

Projekt Regierungsviertel

Für die neue Hauptstadt brauchte es auch neue Regierungsgebäude. Der neu entstehende Stadtteil sollte nicht für sich separat mitten auf der grünen Wiese entstehen, sondern mit der Stadt organisch verbunden sein. Mehrere mögliche Standorte – wie zum Beispiel beim Bahnhof oder in der Nähe des Stadtfriedhofes – wurden evaluiert. 1988 entschied man sich für den „Ost-Flussraum“ östlich der Altstadt am linken Traisenufer.

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Landeshauptmann Siegfried Ludwig beim Spatenstich 1992 zum neuen Regierungsviertel.
Foto: NLK Scheich

Obwohl dieses Gebiet in periodischen Abständen von Überschwemmungen heimgesucht wurde, handelte es sich hierbei keineswegs um ein unbebautes Areal. Neben einigen Firmen existierten mehrere hundert Schrebergärten, die allesamt abgesiedelt werden mussten. Dabei arbeiteten Stadt- und Landesregierung eng zusammen. Den größten Teil des Gebiets bildete aber das sogenannte „Rennbahnstadion“, eine ehemalige Trabrennbahn, auf der auch Motorsportbewerbe stattfanden.

Im August 1988 startete ein internationaler Architektenwettbewerb, im Juni 1989 lag die erste Jury-Entscheidung vor. Unter 116 Einreichenden, darunter viele aus dem damaligen Nachbarland Tschechoslowakei, konnte sich Ernst Hoffmann durchsetzen. Das zwischen 1992 und 1997 laufende Bauprojekt galt als größte Hochbau-Baustelle Europas.

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