"Nicht vergessen!". Am 17. September jährt sich der Vierfachmord von Alois Huber. Die NÖN sprach mit Bürgermeisterin Petra Zeh.

Von Markus Zauner. Erstellt am 08. September 2014 (11:11)
NOEN, LPD N... (APA)

NÖN: Was erinnert ein Jahr danach in Annaberg an die Schreckenstat von Alois Huber?
Zeh: Gedenkkreuze, die liebevoll von den Angehörigen gestaltet und von unserem Pfarrer gesegnet wurden. Den Segnungen haben viele Annaberger beigewohnt — als Zeichen des Mitgefühls und oftmals auch noch des Unverständnisses ob dieser schrecklichen Tat.

Was hat sich im Ort seit der Tragödie verändert?
Zeh: Annaberg kommt wieder zur Ruhe, was gerade jetzt zum Jahrestag nicht ganz leicht ist. Wir haben gelernt, dass man selbst mit den schrecklichsten Dingen konfrontiert werden kann, aber dass durch Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe alles leichter zu ertragen ist.

Mit Rettungssanitäter Johann Dorfwirth kam ein Todesopfer ja auch aus Annaberg. Wie hat sich die Arbeit an der Rotkreuz-Ortsstelle seither verändert?
Zeh: Die Familie Dorfwirth hat es natürlich besonders schwer. Es ist immer schwer, sich von einem Familienmitglied so plötzlich und unerwartet verabschieden zu müssen. Hier kommt noch hinzu, dass es durch immerwährende Pressemeldungen und neue Ermittlungsergebnisse schwer fällt, zwischendurch abschalten zu können und einfach nur im Stillen zu trauern.Die Rettungsstelle Annaberg ist zu bewundern.

Ein Gedenkstein soll am 17. September in Annaberg mit einem Festakt enthüllt werden. Wie beteiligt sich die Gemeinde daran?
Zeh: Die Gemeinde wird natürlich dem Festakt beiwohnen. Der Gedenkstein wird uns immer an diesen Tag erinnern. Das Ereignis ist Teil unserer Annaberger Geschichte. Leider ein sehr trauriger, aber dennoch gehört er zu Annaberg dazu. Wir haben gelernt, damit zu leben. Der Gedenkstein ist für uns ein Zeichen, dass es Menschen gibt, die für andere Menschen da sind – die, die dadurch ihr Leben lassen mussten, und die, die versuchen, das Leid mit den Hinterbliebenen zu tragen und zu teilen.

Kann die Tragödie mit vier Toten jemals ganz abgehakt werden?
Zeh: Wir wollen die Tragödie gar nicht abhaken, gar nicht vergessen. Wie gesagt, sie gehört zu Annaberg dazu, aber wir lassen uns dadurch auch nicht unterkriegen.

Gedenken in Annaberg

  • Für die Opfer des Wilderers wurde ein Gedenkstein errichtet. Die Enthüllung erfolgt am 17. September, dem ersten Jahrestag.

  • Der 7,5 Tonnen schwere Stein ist an der Kreuzung B 20/B 28 unterhalb des Lassinghofs in Annaberg platziert. Die Fläche hat das Land NÖ zur Verfügung gestellt.

  • Der Festakt findet wetterunabhängig am 17. September zu Mittag statt. Als Ehrengäste werden Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Konrad Kogler, erwartet. Ein gemeinsamer Gedenkmarsch von Rettungskräften und Polizisten ist geplant.

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Am 17. September 2013 hat der 55-jährige Alois H. in Annaberg (Bezirk Lilienfeld) drei Polizisten und einen Sanitäter erschossen. Die Beamten waren wegen Verdachts der Wilderei im Einsatz gewesen. Danach flüchtete der Transportunternehmer zu seinem Anwesen in Großpriel bei Melk, wo er sich stundenlang verschanzte und schließlich in einem Geheimraum im Keller das Leben nahm.

Nach Wildereien in den vergangenen Jahren waren mit Beginn der Hirschbrunft verstärkte Streifentätigkeiten im Bezirk Lilienfeld aufgenommen worden. Dabei stießen Beamte auf den Geländewagen des 55-Jährigen. Kurz nach Mitternacht am 17. September 2013 durchbrach der Verdächtige eine erste Straßensperre und "eröffnete von seinem Wagen heraus gezielt das Feuer", berichtete damals die Polizei. Auf der Flucht kam der 55-Jährige mit dem Auto von der Straße ab und prallte gegen einen Zaun. Alois H. schoss dann vom Auto aus in einen Streifenwagen - ein 38 Jahre alter Cobra-Beamter starb.

Sanitäter erschossen

Kurz danach feuerte der Täter auf ein zufahrendes Rettungsfahrzeug. Ein 70-jähriger Sanitäter wurde tödlich getroffen. Auf seiner weiteren Flucht zu Fuß stieß der Mann bei Lassinghof auf eine Streife und feuerte auf die im Wagen sitzenden Beamten. Der Lenker (51) kam ums Leben, der Wilderer zog den Toten aus dem Auto und warf ihn auf die Straße. Er tötete auch den zweiten Polizisten (44) und fuhr mit der Leiche mit dem Streifenwagen zu seinem Anwesen. Dort verschanzte er sich.

Ein Großaufgebot an Beamten - unter ihnen Dutzende Cobra-Kräfte - umstellte in der Folge den Vierkanthof. Auch drei Panzer des Bundesheeres rückten an, Hubschrauber wurden angefordert. Immer wieder schoss Alois H. zwischendurch aus dem Haus.

Erst Stunden später drangen Beamte in den Hof ein. In einem Geheimraum im Keller stießen sie schließlich auf die verbrannte Leiche des Täters. Der Wilderer hatte Feuer gelegt, bevor er sich selbst mit einem Kopfschuss tötete.

Riesiges Waffenarsenal in Geheimraum

Monatelange Ermittlungen waren die Folge. In dem Geheimraum stieß die Polizei auf ein enormes Waffenarsenal, unzählige Jagdtrophäen und andere gestohlene Gegenstände.

Die vier Opfer wurden in der letzten September-Woche 2013 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in ihren Heimatorten bestattet. Am 13. Dezember 2013 wurde über die Verlassenschaft von Alois H. ein Konkursverfahren am Landesgericht St. Pölten eröffnet. Der Wilderer hatte ein Transportunternehmen besessen.

Fast drei Monate nach dem Amoklauf, am 19. Dezember, fand die Sicherstellung der gestohlenen Gegenstände - u.a. 305 Schusswaffen, Munition, 90 Hirsch- und etwa 500 Reh- sowie 100 weitere Jagdtrophäen - ihren Abschluss. Das Konkursverfahren wurde am 18. Februar 2014 fortgesetzt. Gläubiger meldeten 7,4 Millionen Euro an Forderungen an, wovon der Masseverwalter 3,8 Millionen Euro anerkannte. Laut Kreditschützern soll im Herbst dieses Jahres mit der Verwertung begonnen werden. Im August war noch die Erstellung eines Schätzungsgutachtens im Gang.

108 strafbare Handlungen in fünf Bundesländern

Knapp sieben Monate nach der Bluttat, am 14. April 2014, wurde der Polizeiabschlussbericht der Staatsanwaltschaft St. Pölten übergeben. Insgesamt wurden Alois H. 108 strafbare Handlungen in Niederösterreich, der Steiermark, in Salzburg, Kärnten und Wien zugeordnet. Die Taten soll er über 20 Jahre lang - von 1994 bis April 2013 - verübt haben. Bei den Delikten handelte es sich um Wilderei, Einbrüche, Brandstiftungen, Sachbeschädigungen, Motorrad-und Kennzeichendiebstähle. Der Schaden wurde mit 9,8 Millionen Euro beziffert. Der gesamte Akt umfasst 18 Bände.

Am 22. Mai 2014 wurden auch die vom Innenministerium geführten Untersuchungen zum Polizeieinsatz beendet. Laut dem Evaluierungsbericht sind "keine Faktoren festgestellt" worden, "die die Tathandlungen durch Alois H. zwingend verhindern hätten können". Der Täter habe "atypisch" gehandelt und "aktiv die Konfrontation mit der Polizei gesucht", sagte Konrad Kogler, Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit.

Sturmgewehr im Lassingbach gefunden

Wenige Tage später wurde das Sturmgewehr des Wilderers im Lassingbach in Annaberg gefunden. Mit dieser Waffe hatte er auf Polizeibeamte gefeuert und den Cobra-Beamten getötet. Mitte Juni tauchten die amtlichen Autokennzeichen von Alois H. in einer Sägemühle in Annaberg auf, ein Staplerfahrer hatte sie hinter Rundholz entdeckt. Alois H. war im Besitz mehrerer gestohlener Kennzeichen gewesen, die er bei der Ausübung seiner Straftaten verwendete.

Am 13. August 2014 wurde bekannt, dass das im Lassingbach gefundene StG 77 aus den Beständen des Bundesheeres stammt. Die ausrangierte Waffe hätte eigentlich vernichtet werden sollen. Wie das Sturmgewehr in die Hände von Alois H. gelangt war, blieb offen und soll auch nicht mehr erhoben werden. Der Privatbesitz ist verboten.