Tschetschenen-Mord: Auftrag oder eskalierter Streit?. Zum Mord an einem 43-jährigen tschetschenischen Asylwerber hat die Landespolizeidirektion NÖ gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Korneuburg ein Pressestatement zu den aktuellen Entwicklungen abgegeben.

Von Eva Hinterer. Erstellt am 09. Juli 2020 (12:49)

War es ein Auftragsmord? Oder ist ein Streit eskaliert? Zum Mord an dem 43-jährigen tschetschenischen Asylwerber am 4. Juli bleiben auch nach dem Pressestatement viele Punkte im Dunklen. In der Zwischenzeit hat das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung NÖ (LVT NÖ) die Ermittlungen übernommen.

Fakt ist, dass der Mann in einem Gewerbegebiet in Gerasdorf im Bezirk Korneuburg getötet wurde. Kurz vor 19 Uhr ging am Abend des 4. Juli ein Notruf in der Landesleitzentrale Wien ein. Polizeibeamte aus Wien und NÖ fanden das Mordopfer erschossen auf, es wurde umgehend eine Alarmfahndung nach einem grauen PKW mit Linz-Land-Kennzeichen (LL) eingeleitet.

Das Fahrzeug wurde auf der Kremser Schnellstraße  S33 wahrgenommen aber nicht gleich angehalten, da von einer höheren Gefährdung durch den Lenker ausgegangen werden musste. In der Zwischenzeit wurden das Einsatzkommando Cobra und die Polizei in Oberösterreich alarmiert, zwei Polizeihubschrauber stiegen auf.

Kein Widerstand bei der Festnahme

Gegen 21.35 Uhr wurde der verfolgte Lenker im Linzer Stadtgebiet angehalten, der 47-Jährige, ebenfalls ein tschetschenischer Asylwerber, ließ sich widerstandslos festnehmen.

Das Fahrzeug am Tatort sowie zwei dort aufgefundene Faustfeuerwaffen und zwei Mobiltelefone werden derzeit von Experten des Landeskriminalamtes NÖ untersucht. Sicher ist, dass keine der dort gefundenen Waffen die Tatwaffe ist, sie ist verschwunden. Sicher ist laut dem vorläufigen Obduktionsergebnis auch, dass das Opfer mehrere Schüsse abbekommen hat, tödlich war ein Kopfschuss. Zur Untersuchung des Tatherganges sowie der gefundenen Waffen wurde ein Schusssachverständiger bestellt, die Ergebnisse dieser Überprüfung stehen noch aus.

Polizeischutz für die Familie des Opfers

Sicher ist auch, dass das Opfer bedroht worden war, nachdem es Anfang 2020 begonnen hatte, auf Sozialen Medien Postings gegen die tschetschensche Staatsführung zu publizieren. Personenschutz hatte der Mann abgelehnt, seine Familie wurde aber von der Polizei überwacht. Der Polizeischutz für die Familie ist aufrecht.

Ein vorerst als Zeuge geführter Mann, ein 37-jähriger tscheschenischer Asylwerber aus Wien, wurde noch am Abend des 4. Juli in Gerasdorf festgenommen.

Das Mordopfer, der 43-jährige Martin B., lebte seit 2007 als anerkannter Konventionsflüchtling in Österreich. Den selben Status hatten der festgenommene 47-jährige Linzer - er lebt seit 2004 in Österreich - und der ebenfalls festgenommene 37-jährige Wiener.

Asylstatus aberkannt

Allen drei Männern ist gemein, dass ihnen der Asylstatus bereits aberkannt worden war, alle drei hatten dagegen berufen, die Beschwerden liegen beim Bundesverwaltungsgericht.

Bisherige Erhebungen im Umfeld der Täter sowie des Opfers haben die Motivlage bisher nicht erhellen können, laut Polizeipressesprecher Johann Baumschlager seien sowohl ein Auftragsmord als auch ein eskalierter Streit möglich. Keine Angaben machte Baumschlager zum eventuell kriminellen Vorleben von Opfer und mutmaßlichen Tätern.

U-Haft in Korneuburg

Die ermittelnde Staatsanwältin Gudrun Bischof von der Staatsanwaltschaft Korneuburg sagte, dass sich der 47-Jährige und der 37-Jährige in Korneuburg in Untersuchungshaft befinden, am 20. Juli findet die nächste Haftprüfung statt.

Keine Antworten gab es aus ermittlungstechnischen Gründen, wie es heißt, auf folgende Fragen: War ein Kopfgeld auf das Opfer ausgesetzt? War einer der mutmaßlichen Täter ein Bodyguard des Opfers? Welche Rolle hat der "Zeuge" gespielt? Warum wurde den Männern der Asylstatus aberkannt? Wem gehören die am Tatort aufgefundenen Waffen?