Straßennamen, die Nazis würdigen

Grengg, Hamerling, Kernstock: Noch immer gibt es Straßen in Niederösterreich, die nach Nazis bzw. Antisemiten benannt wurden. Politiker und Historiker ringen um Umgang damit.

Erstellt am 13. Oktober 2021 | 05:07
Tschadek Grengg
In St. Pölten erinnert noch eine Straße an den Ex-Justizminister und „Blutrichter“ Otto Tschadek. Die Maria Grengg-Gasse in Krems wurde bereits umbenannt.
Foto: NÖN

Seit Sommer wird in Salzburg um 13 Straßennamen gestritten. Sie sind nach Nationalsozialisten, Sympathisanten des Hitler-Regimes oder Antisemiten benannt. Historiker fordern schon länger eine Auseinandersetzung mit den Orten und Biografien der Namensgeber. Sie sehen nicht nur in Salzburg die Politik in der Pflicht. Auch in Niederösterreich findet man – 76 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges – zahlreiche Straßen, Gassen und Plätze, die nach Künstlern, Literaten und Politikern mit NS-Bezug bzw. mit Nähe zum Antisemitismus benannt sind. Wie viele es genau sind, weiß man nicht. Eine gesammelte Forschung dazu gibt es bis jetzt nicht.

Zum Thema werden die Straßen, Gassen und Plätze aber immer wieder in Gemeinden und Städten. In der einstigen Nazi-Hochburg Krems untersucht etwa seit 2019 ein Historikerbeirat die Biografien von Namensgebern auf NS-Bezug und Antisemitismus. „Wir haben uns oft die Frage gestellt, wie man mit problematischer Geschichte umgeht“, erzählt der Kremser Historiker Robert Streibel. Mit dem Gremium will er eine Antwort auf die Frage finden.

Erste Schritte wurden schon gesetzt: In der ehemaligen „Gau-Hauptstadt“ wurde die Maria Grengg-Gasse, benannt nach einer Malerin und Heimatdichterin mit Nahverhältnis zum Nationalsozialismus, in Margarete-Schörl-Gasse umbenannt. Schörl war Ordensfrau und Reformpädagogin im Kindergartenbereich. Grundsätzlich sind Umbenennungen für den Kremser aber nicht die Lösung. „Ich finde es nicht richtig, Geschichte einfach zu tilgen.“

Umbenennen oder Zusatzschild anbringen

Ähnlich sieht das der gebürtige Litschauer und in Wien tätige Historiker Oliver Rathkolb: „Wir brauchen eine selbstkritische Erinnerungskultur und sollten nicht über Nacht versuchen, die Geschichte sauber zu machen. Das wäre Geschichtsverfälschung“. Man müsse sich auch den dunklen Seiten der Biografien stellen, „auch wenn wir nicht direkt involviert waren. Das ist ein wichtiger Weg der politischen Bildung“, meint Rathkolb. Viele Historiker und Politiker plädieren deshalb für Hintergrundinfos zu den Straßennamen – etwa durch Hinweisschilder oder QR-Codes.

In der Landeshauptstadt liebäugelt man mit Zusatzschildern. „Idealerweise nicht nur bei problematischen Straßennamen, sondern auch bei Antifaschisten und den vielen anderen Personen, die Positives für unsere Stadt geleistet haben“, heißt es aus Magistrat. Umbenennungen hat es dort auch schon gegeben: 2007 wurde aus der nach dem Bildhauer und Nationalsozialisten Wilhelm Frass benannten Gasse die Johann Schindele-Gasse.

Wir sollten nicht versuchen, die Geschichte sauber zu machen.“ Oliver Rathkolb, Historiker

Dem kürzlich verstorbenen St. Pöltner Manfred Wieninger, der ein Buch über Straßennamen in der Landeshauptstadt schrieb, war vor allem die Dr.-Otto-Tschadek-Straße ein Dorn im Auge. Der spätere SPÖ-Landeshauptmann-Stellvertreter Tschadek war „Blutrichter“ des NS-Regimes, der vier Todesurteile fällte. Zehn weitere Straßen wurden bisher als problematisch eingestuft, darunter die Heimito-von-Doderer-Straße oder die Porschestraße .

Dass sich derartige Debatten lange ziehen können, verdeutlicht ein Beispiel aus Klosterneuburg: Seit 1997 ist dort die Kernstockgasse Diskussionsthema. Benannt ist sie nach dem Priester Ottokar Kernstock, der 1920 den Text zur „Deutschösterreichischen Volkshymne“ verfasste. Sie wurde auch im austrofaschistischen Ständestaat gesungen. 1923 schuf Kernstock zudem das „Hakenkreuzlied“ für die Fürstenfelder Ortsgruppe der „Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei“, das nach dem Anschluss als Propaganda-Lied diente. 2016 flammte die Diskussion neu auf. Mittlerweile gibt es eine Zusatztafel.

Biografien und Orte mit Handlungsbedarf gebe es in NÖ noch viele. Aber: „Es ist immer die Angst vor Wählerinnen und Wählern - die Adressänderung, der bürokratische Aufwand - und auch eine Fantasielosigkeit, die Entscheidungsträger hindert, sich mit den Orten auseinanderzusetzen“, glaubt Rathkolb. Nötig ist das laut dem Kremser Historiker Streibel aber unbedingt: „Es gibt immer wieder eine neue Generation, die über die Geschichte lernen muss. Man kann also nie einen Schlussstrich ziehen.“