"Heimvorteil" für Ausreißer. Mit dem Projekt „Heimvorteil“ soll Zahl der abgängigen Jugendlichen in Heimen sinken.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 29. Mai 2018 (02:11)
Abhauen – und weiter? Projekt bietet Hilfe.
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„Ich will heim zu meiner Familie!“ Das hören Sozialpädagogen in Kinder- und Jugendbetreuungseinrichtungen immer wieder. „Die meisten Personen verschwinden aus Jugendwohneinrichtungen; in der Regel tauchen sie aber nach wenigen Stunden oder Tagen wieder auf“, erzählt Stefan Mayer, Leiter des Kompetenzzentrums für abgängige Personen (KAP) im Bundeskriminalamt.

Abhauen ist meistens kein einmaliger Ausrutscher, weiß Mayer: „Die meisten Anzeigen betreffen Minderjährige, die bereits mehr als drei Mal abgängig waren.“ Die Gründe kennt Mayer: „Die Bindung zur Herkunftsfamilie ist, auch wenn die Situation noch so schlimm und aus Sicht der Jugendwohlfahrt für das Kind nicht mehr tragbar ist, immens groß. Es sind eben die Eltern.“ Und dann gibt es auch die „Strawanzer“, die ihre eigenen Wege gehen wollen.

Der Mödlinger Polizist Norbert Vogel arbeitet mit jugendlichen Heimbewohnern.
LPD NÖ

Das Bundeskriminalamt hat daher in Zusammenarbeit mit Polizeidienststellen und Jugendwohneinrichtungen das Projekt „Heimvorteil“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, die Zahl der Ausreißer zu senken. Pilotprojekte wurden in mehreren Bundesländern gestartet. In Niederösterreich in den Jugendwohngruppen Anninger und Guntramsdorf des SOS-Kinderdorfes.

Norbert Vogel vom Bezirkspolizeikommando Mödling arbeitete mit den dort untergebrachten Burschen. „Das war eine große Herausforderung, weil es sich hier zum Teil um junge Leute handelt, die bislang nur Kontakt zur Polizei hatten, wenn sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren“, sagt Vogel. Solche Jugendliche zu einem freiwilligen Gespräch mit der Polizei zu bringen, sei nicht leicht. Aber es funktioniert: „Es wurden mit jedem Treffen mehr Burschen und sie waren sehr erstaunt, dass die Exekutive auch ein offenes Ohr für ihre Probleme hat und nicht nur abmahnt oder straft.“ Besonders intensiv wurden Ursachen und Auswirkungen des Abhauens für alle Beteiligten, vom Jugendlichen selbst über die Betreuer bis hin zur Polizei, besprochen.

„Die Jugendlichen haben gefragt: ,Wann kommt der Kieberer wieder?‘“ Stefan Turri, pädagogischer Leiter im SOS Kinderdorf

Den Erfolg von „Heimvorteil“ bestätigt Stefan Turri, pädagogischer Leiter im SOS-Kinderdorf: „Das war eine Kommunikation auf Augenhöhe, sehr einfühlsam. Die Jugendlichen haben freiwillig daran teilgenommen.“ Aufgrund der schwierigen Vorgeschichten dieser Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren sei dies keine Selbstverständlichkeit. Dass Jugendliche abhauen, auch mehrfach, komme immer wieder vor, sagt Turri.

„Ein Bursch möchte immer wieder bei seiner Mutter Dinge erledigen, weil er sich für sie verantwortlich fühlt, ein anderer haut ab, um mit Freunden umherzuziehen.“ Große Sorgen bereiten Turri jene, die ins Drogenmilieu verschwinden. „Bei denen muss man unsere eher freie Unterbringungsform überdenken“, so Turri. Ein weiteres Problem sei, dass Jugendliche oft während der Schulzeit untertauchen.

Dass das Projekt „Heimvorteil“ Sinn macht, davon sind Vogel und Turri überzeugt. Dort, wo ein vertrauensvoller Kontakt zwischen Heimleitung, Jugendlichen und Polizei hergestellt werden konnte, sind die Abgängigkeitsanzeigen gesunken. Auch bei vermeintlich hoffnungslosen Fällen könne eine Vertrauensbasis gefunden werden, sagt Polizist Vogel. „Einige haben zu mir gesagt: ,Norbert, du musst zu unserem Sommerfest kommen!‘“ Turri stimmt zu: „Die Jugendlichen haben gefragt: ,Wann kommt der Kieberer wieder?‘“